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So sollen Programme dabei helfen, Fake News zu entlarven

So sollen Programme dabei helfen, Fake News zu entlarven
Foto:  Kirsty O’Connor/dpa

Sie verbreiten sich in Windeseile – und entfalten eine ungeheure Macht: Fake News, gezielt im Netz geteilt, gelten als Gefahr für die Demokratie. Computerprogramme sollen jetzt helfen, Lügen und Falschmeldungen aufzuspüren und zu entlarven.


Im vergangenen Frühjahr kochte die Stimmung mal wieder hoch: Der Osterhase sollte angeblich abgeschafft werden. Auf einem Kassenzettel waren die mit Glöckchen behängten Schokoladenexemplare der Firma Lindt nämlich als „Traditionshasen“ ausgewiesen. Für AfD-Anhänger und Sympathisanten war schnell klar: Schuld hatten bestimmt die Muslime, ihretwegen musste der Hase umbenannt worden sein.

Das war großer Unsinn. Wegen der großen Palette an Schokoosterhasen werden unterschiedliche Namen vergeben, um die Produkte im Verkauf auseinanderzuhalten. Und die Version von Lindt wird eben als Traditionshase eingebongt.

Die Osterdebatte ist nur ein Beispiel dafür, wie schnell sich Falschnachrichten im Netz verbreiten. ­Fake News werden millionenfach geteilt, erst recht, wenn sie zur eigenen Erwartungshaltung passen.

In der Regel werden Fake News gezielt benutzt und verbreitet

In den seltensten Fällen entstehen Fake News aus Versehen, aus Unwissenheit. In der Regel werden sie bewusst erdacht, gezielt benutzt und verbreitet. Um andere zu verleumden oder um ein Netzwerk Gleichgesinnter zu schaffen. Sie bereiten den Boden für Hetze und Hass und können sogar Wahlen beeinflussen. Nicht wenige Experten sehen das Fake-News-Phänomen als Gefahr für die Demokratie.

Aber was lässt sich tun gegen die scheinbar unaufhaltsame Macht aus dem Netz? Es wird intensiv an technischen Lösungen gearbeitet. Das Fraunhofer-Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie (FKIE) hat eine Anwendung entwickelt, die helfen soll, Fake News zu erkennen. Ganz von allein kann sie das allerdings nicht, sagt IT-Experte Albert Pritzkau, der den Algorithmus entwickelt hat. Das System muss von Menschen „angelernt“ werden.

Eine oder am besten mehrere Personen stufen eine größere Anzahl von Meldungen zunächst entweder als falsch oder richtig ein. Anschließen analysiert die Anwendung, welche Merkmale typisch für die als Fake News eingestuften Nachrichten sind und wodurch sich diese von anderen Nachrichten unterscheiden. „Das Tool bezieht dabei sogenannte Metadaten mit ein, also beispielsweise wann, von wo aus und zu welchen Zeiten eine Nachricht verbreitet wurde“, sagt Pritzkau.

Typische Merkmale, die häufiger in als Fake News eingestuften Nachrichten auftauchen, seien zum Beispiel sprachliche Fehler. Ein weiteres klassisches Merkmal sei es, wenn rund um die Uhr von einer Adresse aus gesendet wird. „Dann ist wahrscheinlich, dass es sich um einen Bot handelt“, sagt Pritzkau. Solche Merkmale werden von dem System selbstlernend erfasst. Anschließend ist die Anwendung in der Lage, gezielt gefälschte Nachrichten mit typischen Merkmalen herauszufiltern.

Das System ist allerdings nicht perfekt – und schon gar nicht objektiv. Was es als Fake News einordnet, hängt schließlich davon ab, wie es angelernt wurde, also von den jeweiligen Nutzern. „Es ist daher nicht unbedingt für den Endverbraucher geeignet, sondern eher für Datenanalysten und als eine Art Frühwarnsystem oder Instrument zur Vorselektion“, sagt Pritzkau. Am Ende sei immer noch das menschliche Urteil gefragt.

Nutzer, Technik und Faktenchecker im Zusammenspiel

Ein gutes Beispiel dafür, wie Mensch und Technik gemeinsam gegen Fake News vorgehen können, ist die Kooperation von Facebook mit Journalisten vom unabhängigen deutschen Recherchezentrum Correctiv. Correctiv bekommt von Facebook Listen mit Posts, die unter dem Verdacht stehen, Fake News zu sein: entweder, weil Nutzer sie gemeldet haben, oder weil ein Algorithmus sie als verdächtig eingestuft hat.

Die Journalisten können zudem selbst nach verdächtigen Meldungen suchen. Anschließend unterwerfen sie die fraglichen Inhalte einem Faktencheck. Falschmeldungen werden nicht gelöscht, sind von da an aber nur noch zusammen mit einer knappen Richtigstellung sichtbar. Wer den Inhalt teilen möchte, bekommt eine kurze Warnung eingeblendet, dass Correctiv diesen anzweifelt.

Das Zusammenspiel zwischen Nutzern, Technik und objektiven Faktencheckern sei vermutlich das vielversprechendste Modell, um die Fake-News-Flut erfolgreich einzudämmen, glaubt Florian Wintterlin. Der Kommunikationswissenschaftler ist Mitglied der Arbeitsgruppe Prop-Stop der Uni Münster, die sich „Erkennung, Nachweis und Bekämpfung verdeckter Propaganda-angriffe über Onlinemedien“ widmet. Eine vollautomatische Erkennung von Falschnachrichten hingegen werde es sobald nicht geben, sagt er.

Das Bedürfnis, dem „Mainstream“ etwas entgegenzusetzen

Doch: egal, ob nun durch menschliche Faktenchecker oder Algorithmen – was nützt es, wenn Fake News zwar aufgedeckt werden, die Menschen aber lieber das glauben und in sozialen Netzwerken teilen, was sie wollen?

Wintterlin sieht das anders. Er hat sich mit den Gründen dafür beschäftigt, warum Menschen falsche Inhalte im Internet weiterverbreiten. Dahinter stecke oft ganz einfach das Bedürfnis, dem, was man als „Mainstream“ der Informationsindustrie empfindet, etwas entgegenzusetzen.

Nicht immer seien Internetnutzer selbst hundertprozentig von dem überzeugt, was sie teilen. „Studien haben sogar gezeigt, dass Menschen oft gerade deshalb etwas mit ihren Internetkontakten teilen, weil sie sich vergewissern wollen, ob es denn stimmt“, sagt Wintterlin.

Faktenchecks darf man nicht erst suchen müssen

Natürlich gebe es auch „dysfunktionale Persönlichkeiten“ wie die klassischen Trolle, die einfach nur Aufmerksamkeit wollten und deshalb gegen andere hetzten. „Und sicher sind einige so ideologisch geprägt, dass sie nicht mehr erreichbar sind. Das ist aber nur eine Verstärkung des Pro­blems, nicht die Hauptursache.“ Bei anderen könne man das Weltbild durch Richtigstellungen von Faktencheckern durchaus erschüttern.

Wichtig sei, dass man solche Faktenchecks nicht erst suchen müsse – sondern dass diese, wie durch Correctiv, direkt zusammen mit den ­Fake News veröffentlicht würden. Die Bezeichnung Fake News mag Wintterlin übrigens nicht: „Das ist mittlerweile zu einer Art Kampfbegriff geworden, der von sämtlichen Seiten anders gebraucht wird und Spielraum für Interpretation lässt. Das, worum es hier geht, ist ganz einfach Desinformation.“

Von Irene Habich


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