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Skater Titus Dittmann: „Lernen muss nicht scheiße sein!“

Skater Titus Dittmann: „Lernen muss nicht scheiße sein!“
Foto: Thomas Diekmann

Titus Dittmann ist Skateboard-Pionier, Unternehmer und ehemaliger Lehrer. In seinem Buch „Lernen muss nicht scheiße sein“ macht sich der 70-Jährige Gedanken über Bildung und elternfreie Zeit. Ein Gespräch über Noten, Lernmotivation, Freiheit und darüber, warum Wissen pauken und auskotzen gar nichts bringt.


Titus Dittmann ist ein Mann der vielen Worte. Das beweist er beim Gesprächseinstieg. Ausführlich berichtet er über seine erste Begegnung mit der noch jungen Skaterszene in den frühen Siebzigerjahren. Er steht damals kurz vor dem Staatsexamen als Lehrer. Auf der Straße sieht Dittmann Jugendliche, die mit großer Leidenschaft versuchen, ihr Skateboard zu beherrschen. Nach jedem Sturz steigen sie auf das Brett und probieren den Trick erneut. Wieder und wieder. Ein für ihn bis heute prägendes Erlebnis.

Was faszinierte Sie an der Skateboard-Begeisterung der Jugendlichen?

Im Lehramtsstudium habe ich mich viel mit fremdbestimmtem Lernen und meiner Rolle als Lehrer auseinandergesetzt. Diese Skateboard fahrenden Jugendlichen lernten aber aus freien Stücken, ohne Pädagogen. Aufgeschlagene Knie waren egal, sie stiegen immer wieder auf ihre Bretter, bis der Trick endlich klappte. So eine Leidensfähigkeit und große Lernmotivation hatte ich selten erlebt. Wahrscheinlich spürte ich zum ersten Mal, dass selbstbestimmtes Lernen dem klassischen Unterricht in der Schule deutlich überlegen war.

In Ihrem Buch „Lernen muss nicht scheiße sein“ plädieren Sie für mehr erwachsenenfreie Zeit. Warum ist die so wertvoll?

Kinder lernen ohne Erwachsene wichtige Dinge fürs Leben. Sie lernen, Konflikte auszustehen, Kompromisse zu machen, eigene Entscheidungen zu treffen, aber auch zu scheitern und immer wieder aufzustehen. Das gelingt nicht, wenn ständig die Eltern um ihr Kind herumfliegen und Probleme fernhalten. Leider fällt es vielen Erwachsenen schwer, sich zurückzuhalten und Kinder einfach machen zu lassen. Das beginnt schon auf der Krabbeldecke. Klar lernt ein Kleinkind auch Klötze zu stapeln, wenn Mama hilft. Die wichtige Erfahrung, durch Kreativität und Hartnäckigkeit zu einer Lösung zu kommen, bleibt ihm dann aber verwehrt.

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Mit seinem Projekt Skate Aid (skate-aid.org) ist Dittmann in vielen Teilen der Welt unterwegs, wo soziale Missstände und schwierige Lebensbedingungen junge Menschen gefährden und in ihrer Entwicklung hemmen. Das Motto der Mission: „Wir machen Kinder stark“. Quelle: Thomas Diekmann

Sie unterrichten „Skateboard – Bewegungskünste und Trendsport“ an der Uni Münster. Was wollen Sie jungen Lehrern mit auf den Weg geben?

Ob die Studierenden am Ende selbst gut Skateboard fahren, ist für mich fast nebensächlich. Sie sollen lieber die Philosophie der Jugendkultur verstehen. Das Skateboardfahren fördert die kognitive und motorische Entwicklung und bildet den Charakter. Um das Brett zu beherrschen, braucht es Selbstdisziplin, einen festen Willen und Leidenschaft. Außerdem lernen die Kinder etwas, was sie deutlich besser können als die Erwachsenen. Das stärkt das Selbstbewusstsein. Ich möchte die angehenden Lehrer ermutigen, ihren Schülern mehr Freiheit zu gewähren, sich selbst auszuprobieren, auch mal ohne genaues Stundenziel. Selbstbestimmtes Lernen ist in der Schule leider die Ausnahme.

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Setzen wir falsche Prioritäten bei der Vermittlung von Wissen?

In der Schule neigen wir zum Bulimielernen. Wir pauken alles in uns hinein und kotzen es zur Klausur aus, nur um es wenig später zu vergessen. Ich befürchte, dass wir damit viel zu viele Inhalte und Fähigkeiten vermitteln, die künstliche Intelligenz besser kann. Die Maschinen lernen schneller, machen weniger Fehler, können Wissen besser speichern. Wir sollten uns stärker auf die menschlichen Stärken fokussieren – Kreativität, Begeisterungsfähigkeit, Leidenschaft oder Willensstärke. Auf diesem Weg sollten wir den Kindern mehr Freiheiten lassen, auch bei der Entscheidung darüber, was sie eigentlich lernen wollen.

Bald stehen die Zeugnisse an. Halten Sie Noten für die richtige Form, um junge Menschen zu beurteilen?

Wir fragen viel zu oft nach einer Note und viel zu wenig nach den Fähigkeiten. Deshalb herrscht auch der Irrglaube, dass ein Einserabitur die besten Chancen für das Leben eröffnet. Die Realität sieht oft anders aus. Es gibt unzählige Beispiele von erfolgreichen Menschen, die mit dem Bildungssystem ihre Probleme hatten oder ihren Abschluss an reformpädagogischen Schulen ohne Noten gemacht haben. Wenn wir uns vom Notenstress befreien und mehr danach fragen, was wir eigentlich lernen wollen, wären wir glücklicher. Nicht umsonst sind so viele Schüler nach dem Abschluss orientierungslos. Ihnen fehlte schlicht die Gelegenheit, nach einer sinnstiftenden Leidenschaft zu suchen. Es wurde immer nur vorgegeben, was sie lernen sollen.

Von RND/Birk Grüling


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