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Raumfahrtstudie: Bei diesem Job kriegst du Geld für’s Rumliegen

Raumfahrtstudie: Bei diesem Job kriegst du Geld für’s Rumliegen
Foto: DLR

Serien schauen, Bücher lesen – bei den Langzeit-Bettruhestudie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt liegen die Teilnehmer 60 Tage im Bett. Ein ehemaliger Teilnehmer erzählt, wie das so ist.


Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt sucht Studienteilnehmer für eine Bettruhestudie. Die klingt im ersten Moment kurios, denn der größte Teil besteht darin, im Bett zu liegen. Traumjob oder furchtbar langweilig? Paul muss es wissen: Der 31-Jährige hat Ende 2015 an einer ähnlichen Studie des DLRs teilgenommen. Im Interview erklärt er, wie das so war.

Fürs Rumliegen bezahlt zu werden – das klingt im ersten Moment wie ein Traumjob. War es das auch?

Anfangs habe ich das auch gedacht: Nichts tun und dafür noch Geld bekommen – was gibt es besseres? Ich hatte gerade eine sehr anstrengende Studienphase hinter mir und habe mich deshalb beworben. Aber als ich dann wirklich mitgemacht habe, ist das Geld in den Hintergrund gerückt. Plötzlich hatte ich mit dem DLR und der ESAzu tun, war Teil von spannenden Experimenten. Es war immer noch ein „Traumjob“, aber aus einem ganz anderen Grund.

Was ist denn das Ziel der Bettruhestudien?

Wenn Menschen sich für längere Zeit in der Schwerelosigkeit aufhalten, werden ihre Muskeln schwächer, die Knochendichte nimmt ab, das Kreislaufsystem passt sich an. Astronauten, die beispielsweise auf der ISS sind, müssen deshalb täglich mindestens zwei Stunden Sport machen. Das Ziel der Bettruhestudien ist, herauszufinden, ob es nicht auch andere, effektivere Gegenmaßnahmen gibt. Die Langzeit-Studien dauern drei Monate, davon legen sich die Teilnehmer 60 Tage lang ins Bett, der Kopf liegt dabei 6 Grad tiefer als die Beine. Das Liegen simuliert Schwerelosigkeit.

Und Sie sind wirklich kein einziges Mal aufgestanden?

Nein, in der Liegephase macht man wirklich alles im Bett: die Experimente, Lesen, Computer spielen, Essen, aber auch Duschen und Toilettengang.

Wird das nicht furchtbar unangenehm?

Es ist interessant, wie schnell sich der Körper daran gewöhnt. In den ersten Tagen hat jeder mit bisschen Rückenschmerzen oder Kopfschmerzen zu kämpfen. Aber dann wird das Liegen zum Normalzustand. Klar, als ich nach der Zeit wieder aufstehen konnte und Duschen oder auf’s Klo gehen konnte, war das schon schön. Aber man weiß ja, dass es nur 60 Tage sind – dann ist das schon okay.

Zu Forschungszwecken des DLR Paul  zwei Monate im Bett verbracht

Zu Forschungszwecken des DLR Paul zwei Monate im Bett verbracht. Damals waren noch Kopfkissen erlaubt.Quelle: privat

Wie sah denn Ihr Tagesablauf aus?

Es gab Teile, die waren jeden Tag gleich. So wie die Morgenroutine, bei der man geweckt wird und dann zum Beispiel der Blutdruck und das Gewicht gemessen wird. Auch die Zeit, zu der man schlafen geht, ist immer gleich. Ansonsten waren die Tage recht unterschiedlich. Manche waren voll mit Experimenten wie Kognitionstests oder MRT-Untersuchungen. An anderen Tagen war dagegen weniger los, da hatte man viel Zeit zur freien Verfügung.

Hatten Sie sich etwas vorgenommen, das Sie in den 60 Tage erledigen wollten?

Am Anfang habe ich gedacht, dass ich die Zeit sinnvoll nutzen könnte, um Bewerbungen zu schreiben. Allerdings hat mir ein Bewerbungsfoto gefehlt – und das war dann ein bisschen schwierig, das zu machen. Ich habe dann viel Zeit damit verbracht, Serien zu schauen oder Minecraftzu spielen.

Studienteilnehmer dürfen ja keinen Besuch empfangen. Ist das nicht einsam?

Nein, es war sehr einfach, sich in das Zimmer von anderen oder in einen Gemeinschaftsraum rollen zu lassen. Wir haben immer mal wieder zusammen einen Film angeschaut, uns unterhalten oder zusammen Computer gespielt.

Wie hat es sich angefühlt, nach 60 Tagen das erste Mal wieder aufzustehen?

Sehr interessant, ich fühlte mich schummerig, als hätte ich Pudding in den Beinen. Aber eigentlich hatte ich erwartet, dass mir es deutlich schwerer fallen würde, zu laufen. In den ersten zwei Tagen habe ich mich jedes Mal, wenn ich mich gebückt habe, gefühlt, als sei ich 90. Auch beim Treppenlaufen musste ich das Geländer nutzen. Alles war ein bisschen anstrengender. Aber nach der Reha, die ja zur Studie dazugehört, war alles wieder normal.

Der erste Teil der aktuellen Bettruhestudie namens AGBRESA (Artificial Gravity Bed Rest Study) läuft bereits. Doch für den zweiten Teil der Kampagne von Anfang September bis Anfang Dezember sucht das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) noch Studienteilnehmer – vor allem Frauen. Gesucht werden Freiwillige im Alter zwischen 24 und 55 Jahren. Sie sollten zwischen 153 und 190 cm groß sein, einen Body-Mass-Index von 19-30 haben und Nichtraucherinnen sein. Auch gute Deutschkenntnisse sind erforderlich. Die stationäre Studie dauert insgesamt 89 Tage: Nach einer 15-tägigen Eingewöhnungsphase folgen eine 60-tägige Bettruhe sowie eine 14-tägige Astronauten-Reha. Während dieser Zeit wohnen die Studienteilnehmer in der Forschungsanlage :envihab. Dort herrschen während der gesamten Zeit konstante Bedingungen. Auch das Essen ist standardisiert. Anschließend gibt es vier weitere Nachuntersuchungen: Nach 14 Tagen, drei Monaten, einem Jahr und zwei Jahren. Für die vollständige Teilnahme an der Bettruhestudie erhalten die Teilnehmer 16 500 Euro. Das DLR führt die Studie im Auftrag von ESA und NASA durch.

Was hat Sie am meisten überrascht?

Ich hatte mich ja vorher informiert und dabei den Blog eines Studienteilnehmers eines ähnlichen Experiments aus den USA gelesen. Der schrieb: Es wird irgendwann eine Phase kommen, in der man einfach unbedingt aufstehen möchte, in der einen alles nervt. Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, aber diese Phase kam bei mir einfach nicht – zum Glück. Was mich auch überrascht hat war, dass sich meine Motivation so geändert hat. Am Anfang ging es mir ja tatsächlich hauptsächlich um das Geld und darum, nicht viel tun zu müssen. Aber ich bin wirklich gerne Proband gewesen. Vor allem, weil ab und zu auch Astronauten vorbeigekommen sind. Wenn der deutsche Astronaut Alexander Gerst sagt, dass er super stolz auf einen ist – dann ist das schon cool.

Das DLR bezeichnet die Studienteilnehmer ja als „terrestrische“ Astronauten. Können Sie sich auch vorstellen, ein „echter“ Astronaut zu werden?

Das habe ich durchaus überlegt. Ich könnte mir auch gut vorstellen, in der Zukunft beim DLR zu arbeiten. Ob es zum Astronauten reicht, weiß ich nicht. Aber wenn die ESA das nächste Mal Astronauten sucht, kann man es ja mal versuchen.

Von Anna Schughart/RND


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