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Protokoll: Wenn das besinnliche Familienessen am zweiten Weihnachtstag eskaliert

Protokoll: Wenn das besinnliche Familienessen am zweiten Weihnachtstag eskaliert
Foto:  Warner-Brothers

Weihnachten ist die friedlichste und harmonischste Zeit im Jahr – wenn man den Fernsehwerbungen, in denen sich Familien im kuscheligen Weihnachtspulli lachend um den Hals fallen und gemeinsam am Esstisch sitzen, glaubt. Aber mal ganz ehrlich: Bei wem sieht es so zu Hause aus? Bei mir jedenfalls nicht: Meine Familie, fünf erwachsene Menschen, bekommen sich spätestens am zweiten Weihnachtstag in die Haare. Beim traditionellen Gänse-Essen kommen mein 27-jähriger Bruder Leon, meine getrennt lebenden Eltern und ich an Omas Esstisch zusammen. Anfangs möchte sich noch niemand anmerken lassen, dass es langsam genug ist mit dem besinnlichen Beisammensein. Nach und nach steht aber allen nur noch eins auf der Stirn geschrieben: Eskalation.


12 Uhr

Mama steht schon seit fünf Stunden in Omas Küche und ist in den finalen Zügen ihres Festtagskochens. Die Gans ist im Ofen und mein Bruder, Papa und ich sollten eigentlich schon längst da sein, um den Tisch zu decken.

12.45 Uhr

Wie jedes Jahr trudeln wir mindestens eine halbe Stunde zu spät bei Oma ein: Mein verkaterter Bruder hat vergessen, sein Hemd zu bügeln, und ich konnte meine Schuhe nicht finden. Papa musste währenddessen noch schnell irgendeinen Action-Film mit Bruce Willis zu Ende gucken, den er sicher erst 50-mal gesehen hat.

13 Uhr

Der Tisch ist gedeckt, die erste Runde Wein wurde eben ausgeschenkt. Alle sitzen nun am Tisch und machen sich über Vogel samt Rotkohl, Klößen, Kartoffeln und Soßen her. Die Gespräche beginnen meist mit unverfänglichen Themen wie die Verlobung von Prinz Harry. Während meine Oma einen kurzen Abschweifer zur „armen Lady Diana, die hatte es auch nie leicht“ macht, kommt Mutti schon apropos Scheidung zu Renate aus der Tulpenstraße 4b, die sich von ihrem Mann getrennt hat und mit ihrem Fitnesstrainer durchgebrannt ist. „Das war schon immer so eine Flattrige“, grummelt Papa zynisch. Mama rollt mit den Augen, reißt sich aber noch einmal zusammen und fragt nach Leons alten Schulfreunden, „was die jetzt so machen“.

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14 Uhr

Noch verläuft das Essen so weit ruhig. Kurz droht die Stimmung zu kippen, als Papa meinem Bruder die Erbsen nicht schnell genug reicht und daraufhin die Augen verdreht. Als ich von meiner letzten Uni-Klausur erzählen will, muss ich dreimal ansetzen, bevor mir einer aus der Runde zuhört. Papas Blick wird leicht verträumt und er will mir selbstvergessen die Gans reichen. Dass ich seit sechs Jahren Vegetarierin bin, kommentiert er mit einem abwesenden „Ach, stimmt ja“.

14.30 Uhr

Als schließlich die tiefgründigen Dorftratsch-Geschichten ausgepackt werden, ist er jedoch wieder voll da. „Tja, das Grab vom alten Schulze sieht wieder aus wie Kraut und Rüben“, sagt er. „Auf der Beerdigung vor 16 Jahren gab’s auch noch nicht mal Kaffee und Kuchen.“ Beim Wort Kuchen ruckt plötzlich der Kopf meiner Oma in die Höhe und gibt nun zum neunten Mal die Geschichte ihrer Freundin, die ihr am Heiligabend einen Kuchen bringen wollte, ihn aber auf dem Autodach vergaß und einfach losfuhr, zum Besten.

15 Uhr

Noch bevor die Gans vollständig im Magen angekommen ist, haben sich meine Eltern so hochgeschaukelt, dass jedes Thema eskaliert: Mama erzählt eine Geschichte über ihre Freundin, während Papa sie zynisch kommentiert. Daraufhin weist ihn Mama zurecht, dass sein „Die war doch schon immer schräg drauf“ nicht stimme, und auch mein Bruder kritisiert Papa für seine falschen Aussagen. Ich lehne mich zurück und denke frustriert „Jetzt geht’s wieder los“.  Oma versucht, die Stimmung mit einem nervösen Lachen aufzulockern. Daraufhin schnappe ich mein drittes Glas Wein und flüchte ins Wohnzimmer. Zeit zu gehen.

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15.15 Uhr

Ich kann mich vor dem Fernseher nicht zwischen „Sissi“ und „Tatsächlich Liebe“ entscheiden. Mein Bruder hat wohl auch genug, kommt ins Wohnzimmer und verlangt nach „Herr der Ringe“. Kurze Zeit später schläft er aber auf dem Sofa ein, überbrückt so auf seine Art die Zeit bis zum Dessert – und ich schalte wieder auf „Sissi“.

15.30 Uhr

Mittlerweile musste ich den Ton aufdrehen: Aus der Küche werden die diskutierenden Stimmen immer lauter. Auf einmal stürmt mein Vater ins Wohnzimmer und setzt sich beleidigt in den Sessel. Ich vernehme ab und zu ein leises Brummen und ein Murmeln, das wie „Frechheit“ klingt, ignoriere ihn aber bewusst – bis er seinen Posten wieder verlässt und zurück in die Küche geht. Dafür kommt in dem Augenblick meine schlecht gelaunte Mutter rein: „Und ich soll jetzt alleine eure Kleckereien abräumen?“

16 Uhr

Wir reißen uns noch einmal zusammen: Es gibt Eis zum Nachtisch. Vom vollen Magen besänftigt werden nun neutralere Themen, wie Nachbar Horst und sein Marderproblem, besprochen.

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16.15 Uhr

Trotzdem brodelt es unter der Oberfläche. Mein Papa wartet nur darauf, auch nur einen Satz meiner Mutter pessimistisch zu kommentieren. Mein Bruder und ich flüchten wieder vor den Fernseher mit der zweiten Weinflasche im Gepäck. In der Küche steuern Mama und Papa einem Diskussions-Showdown entgegen, bei dem sich Mama über das stundenlange Kochen beschwert und Papa diesen Einwurf mit seinem Kauf der Gans pariert.

 ab 17 Uhr:

Ein lautes „Tschüss“ hallt durch den Flur und auch Mutti packt einige Essensreste zusammen und verabschiedet sich mit einem Kuss von Oma. Wir stapfen Richtung Auto, wobei ihr Gang eher als Stampfen bezeichnet werden sollte. „Nächstes Jahr mache ich diesen Stress nicht mehr mit!“, beteuert sie, „wir gehen lieber einfach irgendwo Essen“ oder es wäre am besten „nicht mehr alle drei Tage zusammen zu feiern“. Doch sobald sie es ausspricht, merkt sie schon selbst, dass alles wieder so kommen wird wie immer.

Weil die Autorin auch die kommenden Jahre noch zu schrägen Weihnachtsessen mit ihrer Familie eingeladen werden möchte, möchte sie anonym bleiben.

Über den Autor/die Autorin:

Michael Soboll

Michael kümmert sich im Mads-Team um die Koordination, technische Umsetzung und was sonst so anfällt.

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