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Pingelige Veganerin und Nacktheitsgebot: Die schlimmsten WG-Castings

Pingelige Veganerin und Nacktheitsgebot: Die schlimmsten WG-Castings
Foto: Tim Schaarschmidt (Archiv)

Nicht alle Wohnungsbesichtigungen verlaufen so, wie man sich das vorgestellt hat. Die MADS-Autorinnen Laura, Tabea, Tara, Emilia und Annika erzählen ihre persönlichen Horrorstorys von WG-Castings.


Im Jahr 2021 gaben rund 4,74 Millionen Menschen ab 14 Jahren an, in Deutschland in einer Wohngemeinschaft, kurz WG, zu leben. Das geht aus einer Statistik der Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse hervor. Doch es ist nicht immer einfach, einen der begehrten WG-Plätze zu bekommen. Viele Wohnungsbesichtigungen sind dafür notwendig – und diese laufen nicht immer so wie ursprünglich gedacht.

Der Flach…leger 

Der potenzielle Mitbewohner von Laura erinnert an Frauenheld Barney Stinson (Neil Patrick Harris) aus „How I Met Your Mother“. Foto: Paul Buck/dpa

Mit 21 Jahren will ich endlich von zu Hause ausziehen. Online entdecke ich ein bezahlbares Zimmer in einer großen, gut gelegenen WG. Ich schreibe mit einer jungen Frau, die einen Nachmieter für das Zimmer sucht. Als sie mich schließlich zur Besichtigung einlädt, ist die Freude groß. Meine allererste Wohnungsbesichtigung.

Vor Ort führt mich ihr Mitbewohner herum, wir verstehen uns gut. Er erklärt, dass neben seiner Mitbewohnerin auch die dritte Person ausziehe. Ich frage, ob ich nach meinem potenziellen Einzug mitbestimmen könne, wer in das dritte Zimmer zieht. Er schüttelt den Kopf. „Du musst mir schon vertrauen“, sagt er mit einem Lachen. Ein erster Dämpfer. Wie soll ich mit jemanden gut zusammenwohnen können, mit dem ich im Vorfeld noch kein Wort gewechselt habe?

Doch es geht noch weiter. Ich sei die einzige Frau, die zum Casting eingeladen ist, sagt er. Und das auch nur, weil ich einen Freund habe. Irritiert schaue ich ihn an. Mit seiner Mitbewohnerin, erklärt er mir, sei er nach mehreren Gläsern Wein zusammengekommen, und es habe nicht geklappt. Das möchte er kein zweites Mal. „Ich habe eine 100-Prozent-Quote, Frauen in meiner WG flachzulegen.“ Wie soll man bitte auf einen solchen Spruch antworten?

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via Giphy.

Noch am selben Tag schicke ich ihm eine Absage. Ich hätte sicher nur seine Quote versaut.

Von Laura Ebeling

WG-Besichtigung oder Bachelor-Casting?

14 Interessenten buhlen um ein Zimmer: Ob MADS-Autorin Tabea eine Rose erhalten hat? Foto: Unsplash/Ergita Sela

Es ist das klassische Bild der Wohnungssuche in Großstädten: 20 Menschen wandern durch eine 35 Quadratmeter große Mietwohnung und versuchen, dem Makler wichtige Informationen zu entlocken. Nervig für die Interessenten, entspannt aber für den Makler, der so nur einen einzigen Termin abarbeiten muss. Dass sich auch einige WGs dieses System zum Vorbild nehmen, war mir allerdings neu.

Mit 14 anderen Interessenten sitze ich in einem Kreis auf dem kalten Fußboden eines 12 Quadratmeter großen Wohnzimmers. Ich fühle mich, als wäre ich unfreiwillig beim Bachelor gelandet. Eigentlich geht es ja darum herauszufinden, ob man gut in die bestehende Gruppe passt. Will man ständig zusammen kochen und feiern? Oder reicht ein Filmabend pro Woche? Doch solche Tiefen können die Gespräche hier gar nicht erreichen.

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via Giphy.

Nach einem 15-minütigen Monolog des einen anwesenden WG-Mitglieds (die anderen drei hatten wohl keine Lust) dürfen sich alle reihum vorstellen und drei Dinge über sich sagen. Danach wird entschieden, wer direkt rausfliegt und wer in die nächste Runde kommt. Ob beim nächsten Treffen persönliche Gespräche eingeplant sind? Der Bachelor knutscht ja schließlich auch nicht (immer) gleich am ersten Abend rum. Ich werde es wohl nie erfahren.​ Denn weder ich noch die zwei Bewerber links und rechts neben mir hatten nach dieser Aktion überhaupt Lust auf die WG.

Von Tabea Rabe

Die Angst vor dem Scam

Groningen ist idyllisch – der dortige Wohnungsmarkt ist es nicht, wie Studentin Laura (23) feststellen musste. Foto: Unsplash/Nirmal Suresh

Voller Tatendrang mache ich mich auf WG-Suche in Groningen. Dort will ich einen Master in Marketing machen. Leider ist die Wohnungssituation in der niederländischen Kleinstadt mit der einer deutschen Großstadt vergleichbar. Alles läuft über Facebook-Gruppen, sodass auch ich mein verstaubtes Profil reaktiviere.

Überraschend schnell finde ich ein schönes Zimmer in einer WG. Ein paar Chats und Telefonate enden in einer Online-Wohnbesichtigung, und schon ein paar Tage später kommt die Zusage. Doch meine Freude hält nur kurz an. Die Adresse des Vermieters ist nicht im Untermietvertrag angegeben, und auch die Daten für den Einzug sind falsch. Das möchte ich klären. Da sich viele Scamer in Groningen herumtreiben, sollte man lieber sichergehen, hatte man mir vorher gesagt. Oft ist von den angeblichen Vermietern nach der Zahlung der Kaution nämlich nichts mehr zu hören.

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Die Vermieterin antwortet, dass sie später alles hinzufügen werde, doch es passiert nichts. Kurz darauf erhalte ich eine Absage mit der Begründung, dass die letzten Schritte nicht „entspannt genug“ verlaufen seien. Während ich schließlich eine andere Wohnung finde, ploppt das WG-Zimmer schon nach kurzer Zeit wieder als Facebook-Anzeige auf. Warum? Die Person, die eigentlich nach mir in die Wohnung einziehen sollte, hat doch noch spontan abgesagt. 

Laura (23), Aufgezeichnet von Tara Yakar

Sympathische Nudisten

MADS-Autorin Emilia bleibt auch zu Hause lieber angezogen. Foto: Unsplash/Jernej Graj (Symbolbild)

Nach mehreren drögen Gesprächen und langweiligem Small Talk bei Wohnungsbesichtigungen mache ich mich zuversichtlich auf den Weg zu einer bunt gemischten 5er-WG. Das Klingelschild, ein in die Wand genagelter Gurkenglasdeckel, befeuert meine Euphorie. Hier scheinen witzige Leute zu leben. Ein Mädchen mit wilden braunen Locken öffnet mir die Tür. Ich bin mir schon jetzt sicher: Das ist es!

Eine Stunde lang quatschen wir unbefangen, dann ergreift der Bewohner, der sich als Biologiestudent vorgestellt hat, das Wort. „Eine Sache sollten wir noch erwähnen: Wir laufen in dieser Wohnung nackt herum.“ Ohne die Miene zu verziehen, ergänzt er: „Wir würden uns auch sehr freuen, wenn du es uns gleichtun würdest.“ Er meint es todernst. In diesem Moment möchte ich lachen und weinen zugleich. Nackt kochen, nackt zusammensitzen und nackt Zähne putzen? Kommt nicht infrage.

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via Giphy.

„Ist euch denn nie kalt?“, ist das Erste, was ich rausbringe. Sie erzählen mir mehr über ihre Lebenseinstellung und bedingungslose Selbstliebe. Obwohl ich das – zugegeben – ein wenig bewundere, muss ich die WG enttäuschen. Wir verabschieden uns. Kurz darauf finde ich eine hübsche WG, in der nicht einmal die Schuhe ausgezogen wurden. Ich denke oft an den lustigen Abend mit den Nudisten und frage mich, wen sie wohl gefunden haben.

Von Emilia Encke

Internationale Abenteuer

Hotdogs wurden zum Streitthema in Annikas WG. Foto: Unsplash/Ball Park Brand

Meine erste Wohnung war eine Zweck-WG in einem Studierendenwohnheim. Wir waren drei 18-jährige Erstis. Das vierte Zimmer wurde als Erasmus-Zimmer freigehalten. So kam es, dass ich innerhalb von zwei Jahren elf Mitbewohner hatte, die meisten nur für je drei Monate. Außergewöhnliche Casting-Situationen gab es nicht, dafür umso schrägere Momente im WG-Alltag.

Da war ein Mädchen aus Belgien. Suppe war ihr Lieblingsessen – allerdings kochte sie die nicht, sondern ließ sie sich von den Eltern schicken oder bringen und bewahrte sie dann literweise zu Blöcken gefroren auf. Ich hatte in diesen Monaten Glück, wenn ich mal eine Packung Eis in die dreistöckige Tiefkühltruhe quetschen konnte.

Meine älteste Mitbewohnerin war eine Doktorandin Ende zwanzig aus Italien. Sie war nett, mit dem Putzen allerdings überfordert: Einmal habe ich ihr dabei zugesehen, wie sie versuchte, einen Wasserfleck vom Boden mit dem Staubsauger wegzusaugen, anstatt ihn wegzuwischen. Hinzu kam ihr Faible für Opern, das sie gern sehr laut im Wohnzimmer auslebte.

Für die besten Geschichten sorgte allerdings ein Mädchen aus den USA. Sie entsprach so ziemlich jedem Klischee eines California Girl: Nur an Sonne gewöhnt, übertriebene Aussprache, Name in abenteuerlicher Schreibweise. Und sie hob ständig hervor, unter welch furchtbarem Kulturschock sie in Deutschland leide. Ihr zweitliebstes Thema war ihre Ernährung. Sie war so vegan, dass sie bereits vor unserem Kennenlernen alle meine Badprodukte entfernte, falls sie ihren Ansprüchen nicht entsprächen – dabei waren die Produkte sogar vegan, ihre Deutschkenntnisse nur leider mangelhaft.

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via Giphy.

Beim Thema Essen steigerte sich das Ganze. Sie war zwar an der deutschen Küche interessiert. Als ich ihr allerdings erzählte, dass diese eben fleischlastig sei, fing sie an zu schimpfen, als könnte ich die Existenz von Braten und Maultaschen spontan ändern. Dabei hatte sie in unserer WG eigentlich kaum Anlass zur Diskussion, weil wir ohnehin alle mindestens vegetarisch waren. Lediglich an meiner Zimmertür hing ein Blechschild mit einem Hot Dog drauf – ein Running Gag, weil mal ein Freund von mir meinte, mit meinem Studium könne man höchstens Hot-Dog-Verkäuferin werden. An dem ging die Mitbewohnerin immer mit geschlossenen Augen und vorgehaltener Hand vorbei, weil es ja Fleisch war.

Von Annika Eichstädt


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Über den Autor/die Autorin:

MADS-Team

Unter diesem Namen sammeln wir Beiträge von Gastautorinnen und -autoren, Autorenkollektiven oder freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei MADS. Die Namen des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin stehen unter dem einzelnen Beitrag.

2 Bemerkungen

  1. Avatar

    Alles leider krank. Wer solche Jugend hat, braucht keine Feinde. Alle einliefern in Klapse.

    Antworten
  2. Avatar

    In meiner ersten WG wurde mir, erst nach Zusage, am Telefon mitgeteilt, dass sie eine Kirche gegründet hat und immer Montags ein Gottesdienst im Wohnzimmer stattfindet…aber hey, für den Preis war mir das echt egal 😄

    Antworten

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