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Wie eine Pflegefachfrau den Berufseinstieg während der Corona-Pandemie erlebt

Wie eine Pflegefachfrau den Berufseinstieg während der Corona-Pandemie erlebt
Foto: unsplash.com/Luis Melendez (Symbolbild)

Lotte (20) beginnt eine Ausbildung zur Pflegefachfrau – und kommt auf die Isolationsstation. Sie erzählt, wie sich ihr Berufseinstieg während Corona anfühlt.


Im Krankenhaus arbeiten und Menschen helfen: Davon hat die 20-jährige Lotte schon während der Schulzeit geträumt. Mittlerweile ist ihr Traum in Erfüllung gegangen – doch wie in ihrer Vorstellung lief ihr Berufseinstieg nicht ab. Und das liegt vor allem an der Corona-Pandemie.

Schon als Schülerin träumte Lotte (20) davon, in einem Krankenhaus zu arbeiten. Sie wird nun Pflegefachfrau.Foto: Privat

Im April startete Lottes Ausbildung zur Pflegefachfrau im Krankenhaus. Teil dieser Ausbildung ist, jede Station des Krankenhauses genau kennenzulernen – dazu gehören beispielsweise die Intensivmedizin und die Notaufnahme. Ihre erste Station: die Isolationsstation. Der Ort, wo die Corona-Patienten liegen. „Direkt auf eine Station geschickt zu werden, die sich andere nicht gerne ausgesucht hätten, fand ich toll“, erzählt Lotte – sie liebt es, Verantwortung zu tragen und dort anzupacken, wo ihre Hilfe dringend benötigt wird. Daher ist sie in ihrer Ausbildung zur Pflegefachkraft genau richtig – denn der breit diskutierte Pflegenotstand in Deutschland dauert an. Laut des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln könnten in Deutschland in der stationären Versorgung bis zum Jahr 2035 rund 307.000 Pflegekräfte fehlen.

Schweißtreibende Arbeit

Von der enormen Belastung, unter der Krankenhäuser derzeit leiden, lässt sich Lotte nicht einschüchtern. Genauso wenig von dem Anblick der Isolationsstation: Eine große Plane grenzt den Bereich ein, in dem die Corona-Erkrankten liegen. Dieser kann nur durch einen langen Reißverschluss betreten werden. Ausgestattet mit spezieller Kleidung, bestehend aus Kittel, Mundschutz, Haarnetz, Visier und gleich zwei Paar Handschuhen, fühlte Lotte sich gut geschützt. Auch, wenn die ungewohnte Montur die Pflege noch anstrengender und schweißtreibender macht.

Foto: Unsplash.com/Clay Banks

„Wir waren eine Handvoll Pfleger, die auf der Isolationsstation alles selbst regeln mussten. Die Wäsche, Essensausgabe, einfach die Aufgaben, für die es normalerweise Extra-Personal gibt, mussten wir zusätzlich übernehmen “, erklärt Lotte. In den Zimmern der Patienten waren Abwürfe für die dreckige Wäsche und Müll eingerichtet. Die Essenstabletts wurden von außerhalb am Eingang durch den Reißverschluss hindurchgeschoben. Auch Lotte musste in der Mittagspause ihr Essen durch den Schlitz entgegennehmen und auf der Station essen. Doch die erschwerten Umstände machten ihr nichts aus: „Wenn wir ein volles Haus hatten, war das schon sehr anstrengend – besonders wenn wir viele Pflegefälle hatten. Aber da das ein Kommen und Gehen ist, hat sich der Stress wieder ausgeglichen.“

Fäkalien, Blut und Erbrochenes: Das schreckt Lotte nicht ab – auch weil sie das alles bereits aus ihrem einjährigen Praktikum während ihres Fachabiturs kennt. „Ich bin einfach stolz, mit meiner Arbeit anderen Menschen helfen zu können – ich gehe jeden Tag gerne zur Arbeit.“ Ihr Spaß an der Pflege und ihre freundliche, aufgeweckte Art fallen auch den Patienten auf. „Besonders zu den Demenz-Erkrankten habe ich einen guten Draht“, sagt die Auszubildende und lächelt. „Ihnen fällt es auf der Isolationsstation besonders schwer“, sagt sie. „Sie fragten immer wieder, wie mein Gesicht unter der Maske aussieht. Sie haben nicht verstanden, warum ich jedes Mal in dieser Montur das Zimmer betreten habe und bekamen manchmal Angst.“

Emotionale Herausforderung

Eine besonders emotionale Herausforderung: die Pflege der sehr alten Patienten, die viele Vorerkrankungen hatten. „Sie durften gar keinen Besuch empfangen“, erzählt die 20-Jährige. Das Verbot beruhte auf der Corona-Schutzverordnung. Jeder Besucher benötigte einen Passierschein. Darin mussten gute Gründe aufgeführt werden, einen Besuch auf der Isolationsstation zu erlauben. Manchmal wurde er abgelehnt, weil die Gefahr der Ansteckung zu groß war. Ausnahmen gab es für schwerstkranke und sterbende Patienten. „Die Einsamkeit hat es für viele Menschen natürlich noch schlimmer gemacht“, sagt Lotte. In der ersten Zeit fiel es ihr schwer, mit der belastenden Situation ihrer Patienten umgehen. Doch gerade da habe sie gemerkt, wie sehr sie und ihre Kollegen gebraucht werden. „Diese Menschen haben sich so sehr gefreut, wenn wir in den Raum gekommen sind.“

„Ich bin einfach stolz, anderen Menschen helfen zu können – ich gehe jeden Tag gerne zur Arbeit.“

Lotte (20), Auszubildene

Bis zu vier Wochen verbringen die Patienten auf der Station. Ob Lotte Angst vor Ansteckung hatte? Nein: „Wenn ein Patient gehustet hat, habe ich mich kurz in Sicherheit gebracht, aber man muss den Patienten bei der Pflege einfach nah kommen, es geht nicht anders. Und wenn ich mich angesteckt hätte, dann wäre das halt so.“ Die Corona-Tests, denen sich die Pflegekräfte regelmäßig unterziehen müssen, blieben bei Lotte immer negativ.

Mittlerweile ist die erste Welle vorüber – und so auch Lottes Arbeit auf der Isolationsstation. Doch das Krankenhaus ist auf eine zweite Welle vorbereitet. Extra-Zimmer und auch die medizinischen Reserven sind vorbereitet. Trotz sperriger Atemschutzmasken und einsamer Patienten bereue Lotte an keinem Tag ihre Entscheidung für die Ausbildung zur Pflegefachfrau. Sie freut sich darauf, auch die anderen Bereiche des Krankenhauses kennenzulernen. Vorher steht aber erst einmal der Blockunterricht auf dem Plan. Daran hat die Corona-Pandemie nämlich nichts geändert: Die Theorie muss weiterhin gebüffelt werden.

Von Lynn Pinders


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