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„Grüner Knopf“: Wie fair und ökologisch ist das staatliche Siegel wirklich?

„Grüner Knopf“: Wie fair und ökologisch ist das staatliche Siegel wirklich?
Foto: Andrey Kiselev - stock.adobe.com

Das ist die neue deutsche Farbenlehre: Nach dem gelben Sack und dem blauen Engel kommt jetzt der grüne Knopf für faire Kleidung. Alles für den blauen Planeten.


An vielem herrscht Mangel in Deutschland. An Mobilfunkmasten, an Grundschullehrern, an guten Gags in Comedyprogrammen von Luke Mockridge. Zweierlei jedoch gibt es im Überfluss: Kandidaten für den SPD-Vorsitz und Verbraucher-Gütesiegel. Der Deutsche liebt Stempel und Embleme. Der Wunsch nach amtlicher Beglaubigung bei gleichzeitig offiziell bewimpeltem gutem Gewissen ist tief in seiner DNA verankert.

Scheißegal, ich kauf‘ das jetzt

Eine endlose Wimpelkette von Engeln, Sternchen, Kühen, Bäumen, Schmetterlingen, Sechsecken, Kreisen, Wimpeln, Fähnchen, Fischen, Schiffen und Fröschen soll beim Shoppen helfen. Problem: klappt nicht. Zu viele. Die einen versprechen die tadellose Behandlung peruanischer Kleinbauern, die anderen paraffinfreie Fußsalbe, die nächsten 90 Prozent Naturfaseranteil in T-Shirts. Oder in veganem Brotaufstrich. Oder beidem. Man kommt da schnell durcheinander. Knapp 100 Qualitätslabel allein für Lebensmittel und Kleidung gibt es in diesem Land. Das Ergebnis ist das sogenannte Verbraucherkoma. Man spricht auch von „Shopping Tilt“: Scheißegal, ich kauf das jetzt.

Da muss dringend ein neues Label her. Der „Grüne Knopf“ soll als erstes staatliches Siegel fair und ökologisch produzierte Kleidung kennzeichnen. Findet Entwicklungshilfeminister – na? – Gerd Müller. Allerdings: So richtig grün ist der grüne Knopf nicht. Es genügt, wenn Kleidungshersteller erst mal ein bisschen fair sind. Zunächst geht es nur um die Fairness in den Teilbereichen „Zuschneiden und Nähen“ und „Bleichen und Färben“. Erst nach und nach sollen die Ökostandards auf alle Etappen der Wertschöpfungskette ausgedehnt werden. Das heißt: Wer als Hersteller sein T-Shirt in einem Sweatshop in Bangladesch ordentlich nähen und färben lässt, den Kram dann aber von minderjährigen, lungenkranken Truckfahrern 20 Stunden lang quer durch ein Naturschutzgebiet zu einem Hafen voller Quecksilberpfützen schnippern lässt, wo das Zeug auf ein Containerschiff von 1967 verladen wird, dass pro Sekunde 11.000 Liter Schiffsdiesel verbraucht, hat trotzdem gute Chancen auf den „Grünen Knopf“ für sein Vier-Euro-T-Shirt.

Das Interesse der Industrie: übersichtlich

Mit dem Label ist es also wie mit einem Billig-T-Shirt nach der ersten Wäsche: passt nicht. Und auch das Interesse der Textilbranche soll übersichtlich sein. Anders gesagt: Die Anträge auf Erlaubnis zur Verwendung des „Grünen Knopfes“ auf Seiten der Industrie gehen ungefähr so gut weg wie Kinokarten für Til-Schweiger-Filme in den USA. Angesichts der sonstigen Siegelschwemme ist das aber schon fast wieder egal. Denn der „Grüne Knopf“ konkurriert um Aufmerksamkeit mit Bioland, NaturLand, NaTrue, EcoGarantie, EcoVeg, NaturTextil, OrganicTextil, BlueSign, Blauer Engel, NaturePlus, Rainforest Alliance, Textiles Vertrauen, Fairtrade, ÖkoControl oder auch dem Marine Stewardship Council für glückliche Fische.

Das ist die deutsche Farbenlehre: Nach dem gelben Sack, dem Blauen Engel, den gelben Engeln, dem grünen Punkt, dem blauen Bock, dem roten Baron, der blauen Lagune, dem grünen Daumen, dem blauen Reiter und der roten Zora kommt jetzt der grüne Knopf. Alles für den blauen Planeten.

Von Imre Grimm/RND


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