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Mathe-Abi in Niedersachsen: Die Menge? Nicht zu schaffen

Mathe-Abi in Niedersachsen: Die Menge? Nicht zu schaffen
Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Niedersachsens Abiturienten sind sauer: Zu schwer, zu lang, zu kompliziert sei die Mathematikklausur gewesen. Doch wie schwierig war das Mathe-Abi denn nun wirklich? Wissenschaftsjournalist Jan Fischer hat die Original-Abituraufgaben (Erweitertes Niveau) durchgerechnet – und hat Verständnis für die Schüler.


Die beiden Teile des Mathe-Abis unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Schwierigkeit gewaltig. Im Pflichtteil, den es ohne Taschenrechner und andere Hilfsmittel zu lösen gilt, sind die meisten Aufgaben sogar mit einer Portion Hausverstand lösbar. Wer sich in den drei Kernthemen Analytische Geometrie (Vektoren), Analysis (Gleichungen und Funktionen) sowie Stochastik (Wahrscheinlichkeitsrechnung) zumindest rudimentär vorbereitet hatte, dürfte bei den meisten der Teilrechnungen nicht ernsthaft ins Schwitzen gekommen sein.

Ausgerechnet die Unteraufgabe mit der höchsten Punktezahl könnte einige Schüler aber doch ins Stolpern gebracht haben. Denn: Die entsprechende Aufgabenstellung liegt im Randbereich der Analysis und dürfte von vielen Lehrern im Unterricht überhaupt nicht durchgenommen worden sein.

Aufgaben nicht eindeutig lösbar

Bei einer weiteren Teilaufgabe gibt es eine alternative Interpretationsmöglichkeit, die die Aufgabe nicht eindeutig lösbar macht. Diese „kreative“ Deutung der Aufgabe ist an sich nicht falsch und logisch einwandfrei argumentierbar. Streng genommen müsste es daher bei dieser Aufgabe sowohl für die Lösung als auch die Nicht-Lösung volle Punktezahl geben. Ärgerlich: Schon ein einziges zusätzliches Wort hätte die Aufgabe eindeutig gemacht …

So richtig zur Sache geht es dann im Wahlteil: Etwas mehr als vier dicht beschriebene A4-Zettel, voll mit Gleichungen, Graphen und Diagrammen warteten auf die Mathe-Abiturienten im erweiterten Leistungsniveau: Eine lange Analysis-Aufgabe, zwei etwas kürzere Probleme aus der Stochastik und der analytischen Geometrie – umfangreich, aber so weit keine großen Überraschungen.

Unverständliche Formulierungen

Wie schon im Pflichtteil sind auch hier einige Teilaufgaben unglücklich bis unverständlich formuliert. Eine der Aufgaben (aus dem Bereich des exponentiellen Wachstums) lässt durch ihre unglückliche Formulierung sogar unendlich viele Lösungswege zu, alle mit korrekten, wenn auch unterschiedlichen Ergebnissen. In der Musterlösung, die die Lehrer zur Bewertung heranziehen, dürften die alternativen Rechenwege freilich fehlen. Eine derartige Ambivalenz in der Aufgabenstellung sollte in einer Abituraufgabe eigentlich nicht möglich sein.

Leider war sie nicht die einzige: Eine weitere Teilaufgabe (diesmal aus der analytischen Geometrie) ist derart konfus formuliert, dass sich vermutlich nur den wenigsten Schülern die eigentliche Aufgabenstellung offenbart hat. Bei einer Stichprobe mit zwei Mathe-Arbeitsbüchern der gymnasialen Oberstufe fand sich keine einzige Übungsaufgabe, die die Problemstellung aus dem Abitur zum Thema hatte.

Wichtige Teile im sUnterricht übersprungen?

Ein signifikanter Teil der Stochastik-Aufgabe musste ohne Berechnung nur durch Abschätzen gelöst werden. Abiturienten, die so etwas im Unterricht durchgenommen hatten, hatten da leichtes Spiel. Erfahrungsgemäß wird dieser Bereich von Lehrern aber gerne mal übersprungen.

Zwischenstand: Aufgaben im Wahlteil mit einer Gesamtpunktezahl von 20-27 (von insgesamt mehr als 90) sind, je nach Argumentation, entweder nicht lösbar, leicht missverständlich oder haben alternative Lösungen. Einige Aufgaben kommen aus Teilbereichen, die im Unterricht, wenn überhaupt, nur im Vorbeiflug behandelt werden. Dass Schüler davon nicht begeistert sind, ist nachvollziehbar.

Die Menge? Nicht zu schaffen

Der größte Kritikpunkt ist allerdings der schiere Umfang der Aufgaben: Schön ausformuliert und mit allen Teilschritten nachvollziehbar niedergeschrieben war dieses Mathe-Abi kaum in der veranschlagten Zeit zu schaffen. Selbst wer alle Aufgaben auf Anhieb mit dem korrekten Lösungsansatz bearbeitet hatte, hatte kaum Chancen, am Ende tatsächlich alle Aufgaben zu lösen. Zeit für Umwege, Korrekturen oder Überprüfen von Ergebnissen blieb bei diesem Mathe-Abi wohl niemandem.

Mangelhafte Formulierungen der Aufgaben, missverständliche Angaben, massiver Zeitdruck und Probleme aus thematischen Randzonen des Mathe-Unterrichts: So sollte ein Mathematik-Abitur eigentlich nicht aussehen. Ein Wettkampf ist schließlich auch nur dann fair, wenn alle Sportler wissen, welche Sportart gespielt wird. Der Ruf nach einer Anpassung der Bewertungsskala, wie er von Schülerseite laut wird, ist daher nicht nur nachvollziehbar – er ist auch angebracht. Wie es solche Aufgaben unter den prüfenden Augen Dutzender Fachkräfte in den Aufgabenpool des Abiturs geschafft haben? Das wird das Kultusministerium nun überzeugend darlegen müssen.

Von Jan Fischer

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