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Kolumne: So erlebt eine Referendarin den Schulalltag

Kolumne: So erlebt eine Referendarin den Schulalltag
Foto: Amelie Rook/Unsplash.com

Helena (25) ist eine von rund 30.000 Lehramtsanwärtern in Deutschland. Was passiert eigentlich hinter der sagenumwobenen Lehrerzimmertür? Wie ist es, Schülerinnen und Schüler zu unterrichten, die nur ein paar Jahre jünger sind als man selbst? Und wie kommt Helena mit dem Druck klar? Davon erzählt sie – unter Pseudonym – in den nächsten 18 Monaten in ihrer neuen MADS-Kolumne: die Referendarin.


Da ist dieser Zwischenfall im Sportunterricht der fünften Klasse, an den ich immer wieder denken muss: Eine Mitschülerin verletzte sich schwer am Bein. Unser Sportlehrer hatte alle Hände voll zu tun, uns unter Kontrolle zu bringen, während der Rettungsdienst nahte. Mein Mitschüler Tim nutzte die Situation aber aus, um sich über den Hausmeister lustig zu machen, der auch nur helfen wollte – aber einfach überfordert war.

Als Folge bekam Tim eine Strafarbeit aufgebrummt. Und was tat er? Er verwandelte sie tatsächlich in einen Aufsatz, der sein Hänseln rechtfertigte. Daraufhin schimpfte unsere Klassenlehrerin ihn vor uns allen aus: „Hausmeister, Lehrer und alle Erwachsene müssen noch viel lernen, – aber du musst noch viel, viel, viel mehr lernen!“ Bitte was? Ich war total verblüfft. Was müssen Lehrer denn noch lernen?

Referendarin am Gymnasium

In der Kolumne „Die Referendarin“ erzählt Helena von ihrer Ausbildung.
Zeichnung: Amelie Rook

15 Jahre später, es ist 2020: Jetzt stehe ich auf der anderen Seite. Lehrerin statt Schülerin. 25 Augenpaare blicken mich neugierig an. In der letzten Reihe kichern die 15-jährigen Jungs. Und während ich mir meine schwitzigen Hände unauffällig an meiner Jeans abwische, kommt mir diese Szene wieder in den Sinn. Seit dem neuen Schuljahr bin ich Referendarin an einem gutbürgerlichen Gymnasium – und bemerke schon in meiner allerersten Stunde, dass ich trotz sechs Jahren Lehramtsstudium noch verdammt viel zu lernen habe. Das Referendariat ist die 18-monatige Ausbildung, die man durchlaufen muss, um sein zweites Staatsexamen abzulegen und am Ende Lehrer zu werden. Das erste Staatsexamen ist das Studium. Jedes Jahr starten bundesweit knapp 30.000 Lehramtsanwärter und Referendare in den Vorbereitungsdienst.

Referendarin: Motivation und Angst

Dieses Jahr bin ich eine von ihnen. 25 Jahre alt, unerfahren, aber voller Motivation – und Angst. Denn schon im Studium werden wir mit Horrorgeschichten dieser eineinhalb Jahre gefüttert. „Es war die schlimmste Zeit meines Lebens“, berichteten mir junge Lehrer mit bedeutungsvollen Blicken während meiner Schulpraktika im Studium. „Wenn dein Fachleiter deine Art nicht mag, lässt er dich durchfallen“, erzählte mir der Freund von einem Freund eines Freundes. Und parallel finden Studien heraus, dass etwa 31 Prozent der Referendare in ihrer psychischen Gesund-heit beeinträchtigt sind. Wahnsinn! Motivation geht anders.

In meinem Bundesland gibt es 18 Studienseminare, – sozusagen die Schulen für Referendare. An diese gelangt man über eine zentrale Bewerbung. Wenn man einem Standort in einer Stadt zugeteilt wird, verteilt das Seminar seine Referendare wiederum an die Schulen in dieser Umgebung. Wie oft die Referendare von ihren Fachleitern – den Lehrer-Lehrern – besucht werden, unterscheidet sich wiederum je nach Seminar. Und damit es noch komplizierter wird, gibt es von Bundesland zu Bundesland noch größere Unterschiede in der Ausbildung, denn schließlich ist die nun mal Sache der Länder.

Das Referendariat von Helena (25) dauert eineinhalb Jahre.
Foto: Unsplash.com/ Kimberly Farmer

Ausbildung zum Lehrer: Stress pur

Doch eins haben alle gemein – egal, ob Köln, Kassel oder Berlin: Überall bedeutet die Ausbildung Stress pur. Werde ich noch Zeit für mein Handballtraining, meine Freunde und Urlaub haben? Was mache ich, wenn ich durchfalle? Werde ich nette Kollegen an meiner Schule finden, die mir helfen? Mit diesen Fragen und den Horrorgeschichten im Hinterkopf schlug ich mich bis zum Start Ende August herum. Und wagte dann den Sprung ins kalte Wasser. Seitdem lerne ich nun Schwimmen – und nehme euch dabei mit: auf meinen eineinhalbjährigen und sicherlich harten Weg durch das Referendariat.

Ich erzähle euch von der sagenumwobenen Welt hinter der Lehrerzimmertür und gucke, was an den Schauergeschichten dran ist. Ich berichte, wie es ist, 18 Monate unter Dauerbeobachtung von Schülern, Schulleitern und Ausbildern (da sind sie wieder, die Fachleiter) zu stehen. Wie es ist, Schüler zu benoten, die so alt sind wie meine Mitspielerinnen in meiner Handballmannschaft. Darüber, was im Lehrerzimmer so abgeht. Kurz: Was es heißt, vom Lernenden zu einem Lehrenden zu werden.

Erster Tag als Referendarin

Zwei Erkenntnisse kann ich jedoch schon nach meiner allerersten Stunde mit euch teilen. Erstens: Frau Braun hatte damals vor 15 Jahren recht: Man lernt nie aus. Zwar kann ich als Digital Native problemlos mit dem Smartboard umgehen und kenne zehn verschiedene Methoden, wie Schüler einen Text lesen können. Doch als eine Biene im Klassenraum die Schüler zum Eskalieren gebracht hat, stand ich vor ihnen wie das Schaf vorm Kuhstall. Da kann ich so viel mit der Klangschale dömmeln, wie ich will. Bringt nichts. Zweitens: Trage an einem Tag, an dem du schwitzige Finger vor Aufregung bekommen könntest, kein hellgraues Shirt. Vor allem nicht am ersten Tag deines Referendariats.

Von Helena Fischer


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2 Bemerkungen

  1. Avatar

    Danke für diesen ersten Einblick “hinter die Kulissen”. Ich bin gespannt wie es weitergeht..

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  2. Avatar

    Als Ex Insulaner, kann ich mich an die Referindarinnen, noch gut erinnern! Als FEGA VLR (Versuch Labor Ratten), gab es meistens Zoff mit den KG Lehrerinnen, alle haben resigniert, aber den Schülerinnen war das egal! Man lernt halt fürs leben nicht für junge angehende Pauker! Nach einem Semester Didaktik u. Pädagogik, kann man vom Lehramtsstudium auch nicht mehr erwarten. Daher zollt es trotzdem meinen Respekt allen die durchgehalten haben und danke das es euch gibt.

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