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Komische Dystopie: „Der Vorweiner“ von Bov Bjerg

Komische Dystopie: „Der Vorweiner“ von Bov Bjerg
Foto: Jens Kalaene/dpa

Europa ist wegen des Klimawandels und anderer politischer Ereignisse untergegangen. Resteuropa steht nun auf meterhohen Betonschichten, um nicht auch noch im Wasser zu versinken. In seinem neuen Roman entwirft Bov Bjerg in seinem lakonischen Stil eine verrückte Dystopie.


B. wie Berta, Tochter von A. wie Anna, gehört zur Oberschicht, lebt als freie Journalistin nun aber deutlich bescheidener von Nachrichten, die immerhin noch „einen Kern Wahrheit“ enthalten. Trauer und alle starken Emotionen wie Lachen, Wut und so weiter wurden aus der Oberschicht verbannt, denn sie tun den Menschen nicht gut. Nur die Niederschicht lässt noch Gefühle zu. Also suchen sich reiche Bürger einen Vorweiner, einen Migranten, der extra nur für sie auf der eigenen Beerdigung weinen wird, um andere, die der „Zerstreuung“ beiwohnen, doch noch zum Heulen zu bringen. Auch A. wie Anna hat sich mit ihrem höheren Alter dazu entschieden, diesen Schritt zu gehen. Es wird ein Niederländer, der verloren in ihrem Haus in „Neuberlin“ ankommt mit nicht viel mehr als einem Handy, einem kaputten Rucksack und den Klamotten am eigenen Leib.

Migration und Menschenfeindlichkeit ad absurdum geführt

Ansonsten sind Geflüchtete in Resteuropa unerwünscht, auch wenn die Länder versinken. Vor den Betonwänden gehen regelmäßig Boote mit Menschen aus überfluteten Nationen im Meer unter. Wen juckt das schon? Das Resteuropa, das Bjerg mit simplen Worten und kalter Ironie entwirft, ist gleichgültig, emotional leer, und doch sehnen sich die Menschen aus der Oberschicht nach zwischenmenschlicher Nähe.

Foto: Ullstein

Bjerg beherrscht die Kunst der Andeutungen

B. wie Berta schreibt jetzt alles auf. Nicht mehr nur erfundene News, sondern die harte Wahrheit. Wie Pizzapete aus der Niederschicht ihr jeden Tag Pizza Hawaii mit ökologisch fragwürdiger Ananas bringt zum Beispiel. Oder wie die Niederschicht demonstriert: Vorweiner raus, wir können selbst für euch heulen. Die Kunst der kleinen, aber feinen Andeutungen beherrscht Bjerg perfekt. Was geschah genau mit Bertas Vater? Zwei, drei Sätze genügen und der Leser kann sich ein Bild entwerfen, wer dieser Mann war. Das ist zwar teils etwas klischeehaft, lässt jedoch viel Raum für eigene Fantasien.

Absurde Triggerwarnungen

Ebenso grandios sind die Triggerwarnungen vor den Kapiteln: „Gewalt gegen Weichtiere“ zum Beispiel. Anfangs fragt man sich, ob sich der Autor damit generell über solche Warnungen lustig machen will, bis man beim Lesen begreift, dass diese im dystopischen Resteuropa wirklich ernst gemeint sind. Wenn Menschen bei einer Comedy-Veranstaltung Schilder mit „Lach-lach“ hochhalten, weil Lachen selbst zu obszön wäre, ist eben (fast) alles möglich.

Manchmal hätte dem Buch etwas mehr Ernsthaftigkeit gut getan. Andererseits ist es erfrischend, wie Bjerg aktuelle gesellschaftliche und politische Phänomene weiterspinnt und ins Groteske steigert. Vieles ist dabei leider durchaus denkbar für die Zukunft.

Von Lisa Neumann


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