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Immer mehr Menschen fallen durch die praktische Führerscheinprüfung

Immer mehr Menschen fallen durch die praktische Führerscheinprüfung
Foto:  DPA

Stoppschild ignoriert, Zebrastreifen überfahren, falsch abgebogen – der Anteil der Durchfaller bei der praktischen Führerscheinprüfung steigt. Woran liegt das? Bei den Betroffenen hinterlässt es Spuren.

Manchmal genügt ein kleiner Moment der Unachtsamkeit – und alles ist gelaufen. Die praktische Führerscheinprüfung wird zunehmend zum Stolperstein für Fahranfänger. Wer einmal durchfällt, nimmt es noch sportlich. Doch spätestens beim zweiten Mal kann der Traum vom Autoführerschein zum Alptraum werden. Auch selbstbewusste Jugendliche fühlen sich dann plötzlich klein.

Zum Beispiel Louis. Er heißt in Wirklichkeit nicht so, will aber lieber nicht erkannt werden. Das Gefühl, „total versagt zu haben“, nagt an ihm. Dabei ist Louis keiner, der mit zittrigen Beinen in Prüfungen geht. Vor der praktischen Führerscheinprüfung ist er nervös, denkt aber: „Ich kann’s schaffen.“ Doch dann läuft alles irgendwie gegen ihn. Es ist neblig und noch früh. Der Prüfer wählt zudem eine unbekannte Route. Vor einer Kreuzung ist das Tempo dann zu hoch. Der Fahrlehrer greift ein und bremst. „Das war eine grobe Verkehrsmissachtung“, sagt der Prüfer. „Durchgefallen.“

Durchfallquote bei der Führerscheinprüfung steigt seit Jahren

Bundesweit steigen seit Jahren die Durchfallquoten bei der Führerscheinprüfung für das Auto. Bei der Theorieprüfung aller Pkw-Klassen lag die Quote 2017 laut Kraftfahrt-Bundesamt bei 39 Prozent (2016: 37 Prozent). Bei der praktischen Prüfung für den Autoführerschein fielen 32 Prozent der Anwärter durch (Vorjahr: 31 Prozent) – das waren 432.037 nicht bestandene praktische Prüfungen.

Fahrlehrer führen die erhöhten Durchfallquoten unter anderem auf mehr nicht-deutschsprachige Bewerber zurück. Die hätten neben Sprachproblemen oft auch mit einer anderen Verkehrskultur zu kämpfen.

Doch Louis ist ein ganz normaler Karlsruher Gymnasiast. Beim zweiten Versuch scheint alles zu klappen. Aber dann patzt er in den letzten fünf Minuten. Von der Autobahn kommend fährt er zu schnell in eine Kurve. Louis ist zum zweiten Mal durchgefallen. Kein Einzelfall. Der 17-Jährige kennt allein drei Mitschüler, die wiederholt an der praktischen Prüfung gescheitert sind.

„Man lässt keinen Prüfling einfach so durchfallen“

Woran liegt das? Die Prüfung selbst sei nicht schwieriger geworden, betont Vincenzo Lucà, Sprecher des Tüv Süd, der für Bayern und Baden-Württemberg die Prüfer stellt. Letztere müssen oft als Sündenbock herhalten; doch Lucà nimmt die ausgebildeten Ingenieure in Schutz: „Man lässt keinen Prüfling einfach so durchfallen.“

Verkehrsexperten haben keine eindeutigen Antworten zu möglichen Ursachen. „Wir stochern noch etwas im Nebel“, sagt Hendrik Pistor, Referatsleiter für junge Kraftfahrer beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR). Klar ist: Höhere Durchfallquoten sind ein internationaler Trend. Und sie haben die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) auf den Plan gerufen. Deren Forscher wollen die Zahlen nun unter die Lupe nehmen.

„Ein Grund könnte natürlich sein, dass der Verkehr deutlich komplexer geworden ist“, sagt Pistor. Das sehen ADAC, Tüv und Fahrlehrer genauso. Fahrschüler bräuchten mehr Schulung und die Fahrlehrer häufig andere pädagogische und vielleicht auch psychologische Fertigkeiten als früher, meint Verkehrspsychologin Claudia Happe. Inwiefern Angst eine Rolle spielt, will sie anhand eines Fragebogens herausfinden, den sie gerade entwickelt.

Jugendliche haben zu viele Termine – Fokus liegt nicht mehr auf dem Führerschein

Turbo-Abi, Freizeitstress, Wechsel in den Job – junge Leute sind „konkurrierenden Anforderungen“ ausgesetzt, weiß der ADAC. Der Führerschein laufe nebenher. Er sei nicht mehr Priorität Nummer Eins auf der To-do-Liste, beobachtet Dieter Quentin, Vorsitzender der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände. „Doch einen Führerschein macht man nicht nebenbei.“ Ist der Führerschein mit 17 zu früh? Das weisen die Experten einmütig zurück. „17-Jährige fallen weniger durch und fahren später sicherer“, unterstreicht Quentin.

Verkehrspsychologin Happe geht einem anderen Verdacht nach: „Ein wichtiger Aspekt könnte sein, dass das digitale Interesse ausgeprägter zu sein scheint als das Interesse für das Verkehrsgeschehen.“ Früher schauten Jugendliche als Beifahrer raus, heute schauen sie auf das Smartphone. „Dadurch könnte der Bezug zum Verkehr verloren gehen“, warnt sie.

Was die Fahrlehrer betrifft, so überwiege die Zahl guter Kollegen. Doch die qualitative Palette sei breitgefächert. Verbandschef Quentin verweist auf eine „sehr gute“ Ausbildung in Deutschland, die eine breitere pädagogische Schulung einschließt. „Die Europäer beneiden uns um die Fahrlehrer- und Fahrausbildung.“ Dennoch sieht er auch immer „Luft nach oben“.

Fahrschüler wollen Geld sparen und sind unter Zeitdruck

Für TÜV-Sprecher Lucà könnte die Durchfall-Quote zudem etwas mit Zeitdruck zu tun haben. „Ein Führerschein kostet Geld. Man versucht, früh an den Schein zu kommen.“ Denn mit mindestens 1800 bis 2200 Euro im Schnitt ist der Autoführerschein schon im ersten Anlauf ein teures Vergnügen. Für Durchfaller kommen Kosten für weitere Fahrstunden dazu, eine erneute TÜV-Prüfungsgebühr – in Bayern und Baden-Württemberg für die Praxisprüfung 91,75 Euro – und Anmeldekosten, die Fahrschulen berechnen.

Der ADAC empfiehlt vor der ersten Fahrstunde einen genauen Fahrschulvergleich. „Die billigsten Anbieter sind nur selten auch fachlich gute Fahrschulen.“ Und er rät von Crash- und Ferienkursen ab – das Erlernte müsse Zeit haben, sich zu festigen, sagt eine Sprecherin. Wann Louis den nächsten Anlauf macht, verrät er niemandem. „Wenn ich jetzt noch mal verkacke, stehe ich da wie der größte Vollidiot.“

Von RND/dpa

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