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Faulenzen statt Neues lernen: Wieso scheitere ich an meinen Zielen?

Faulenzen statt Neues lernen: Wieso scheitere ich an meinen Zielen?
Foto:  Unsplash/ Zhang Kenny

Er wollte Breakdance lernen, mehr lesen und reisen: Getan hat er davon wenig. Doch wieso eigentlich? MADS-Autor Tim begibt sich auf die Suche nach dem Ursprung seines Scheiterns. 


Mal wieder sitze ich mit dem Handy auf meinem Bett und scrolle durch die Instagram- und Twitter-Timelines. Also alles wie immer – eigentlich. Denn in letzter Zeit gehen mir dabei belastende Gedanken durch den Kopf. Ich möchte niemand sein, der in 20 bis 30 Jahren auf sein Leben zurückblickt, all die Dinge bereut, die er nie gemacht hat und sich dabei sagt: „Naja, es ist wie es ist“. Deshalb habe ich mir in den vergangenen Jahren viel vorgenommen: Reisen, Breakdance und eine Kampfsportart lernen, mehr Lesen und Sport machen, weniger vor der Konsole hocken und ordentlicher werden. Das mit dem mehr Sport machen hat zwar geklappt – der Rest nicht so wirklich. Die Frage, die ich mir nun stelle: Bin ich gescheitert? Zumindest fühlt es sich so an, denn von meinen Vorhaben habe ich kaum etwas umgesetzt.

Um mir die Frage zu beantworten, woran und ob ich gescheitert bin, muss ich wohl als erstes wissen, was Scheitern eigentlich genau bedeutet. Der Duden deutet Scheitern als das Nichterreichen von Zielen – also nicht erfolgreich zu sein. Was das betrifft, ist die Antwort also ziemlich klar: Meine Ziele habe ich nämlich (noch) nicht erreicht. Während meine weiteste Reise gerade mal bis zur Stadtgrenze ging, könnte ich das Wort Breakdance wohl wörtlich dafür nehmen, was beim Tanz-Versuch meinen Knochen passieren würde. Autsch. Und auch in einem Kampfsport-Wettkampf würde ich wahrscheinlich schneller K.O. gehen als ich „prokrastinieren“ sagen kann. Die Staubschicht auf meinen Büchern wächst und ich traue mich nicht, meine Spielzeit bei der diesjährigen Ausgabe von „FIFA“ zu überprüfen. Als wäre das nicht genug, findet all das in einem Zimmer statt, das selbst das in den Schatten stellt, was bei Familie Hempels angeblich unter dem Sofa los ist.

Wieso scheitere ich an meinen Zielen? Diese Frage stellt sich MADS-Autor Tim.

Corona nur als Ausrede?

Was Lernen für die Schule oder die Uni angeht, habe ich mich noch nie mit Ruhm bekleckert. Außerhalb davon war ich aber immer relativ zielstrebig, wenn ich erstmal ein neues Hobby in Angriff nahm. Nun ist das nicht mehr so. Ich versuche mir die Lage irgendwie schön zu reden. Mit Floskeln wie „Noch habe ich ja die Zeit dafür“. Hilfreich ist das aber bestimmt nicht. Während ich durch die sozialen Medien scrolle, frage ich mich, wie es dazu kommen konnte. Die aktuelle Corona-Pandemie ist bei meinen Vorhaben sicherlich bremsend, doch als Ausrede kann ich das nicht gelten lassen. Schließlich hat mein Vor-Corona-Ich in dieser Hinsicht auch kein sehr gutes Bild abgegeben.

Was hält mich also davon ab, meine Ziele in die Tat umzusetzen? Eigentlich nichts – außer mir selbst. Da ich mich doch aber eigentlich selbst unter Kontrolle habe, scheitere ich also eigentlich an gar nichts. Außer vielleicht an meinem fehlenden Antrieb. Für den Entwicklungspsychologen Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin ist das kein neues Phänomen: „Wir Menschen haben den berühmten inneren Schweinehund in uns“, erklärt er mir. „Wir wollen oft mit dem kleinsten Aufwand am Gemütlichsten leben“. Das klingt nach einem plausiblen Grund für mein Scheitern. Scheithauer sagt: „Die Diskrepanz zwischen unseren Erwartungen und unseren persönlichen Möglichkeiten ist oft sehr groß“.

Habe ich mir also einfach zu hohe Ziele gesetzt? Auf mich wirken meine Ziele nicht unrealistisch. Tanzen und eine Sportart lernen und an sich selbst arbeiten – das sollte ich doch schaffen. Vor allem, weil ich sowas früher auch hinbekommen habe. Scheithauer erklärt mir jedoch, dass „man oft das Ziel sieht, aber nicht die Arbeit, die damit verbunden ist, das Ziel auch zu erreichen“. Es ist also viel leichter, sich erst mal überhaupt ein Ziel zu setzen. Dafür braucht es nichts weiter, als einen Gedanken und einen inneren Entschluss. Um aber das Ziel Breakdance zu lernen umzusetzen, müssen zunächst Vorraussetzungen erfüllt werden, die allein schon Aufwand verursachen, bevor das Lernen überhaupt beginnt. Zum Beispiel sind Rhythmusgefühl, Ausdauer und Beweglichkeit erforderlich. Klingt gar nicht mehr so einfach, wie ich dachte. „Da ist es dann doch oft einfacher und bequemer, nichts zu tun“, sagt Scheithauer.

Schöne Vorstellung

Natürlich ist es in Gedanken leicht, sich alle möglichen Fähigkeiten zu wünschen. Ich würde auch gerne schon im anstehenden Winter Skispringen können oder morgen einen Marathon laufen – realistisch ist das nicht. Vielleicht ist die Vorstellung, all diese Dinge zu können auch einfach schöner, als es meine Versuche wären, diese tatsächlich zu erlernen. Vielleicht habe ich unterbewusst auch einfach Angst festzustellen, dass ich bestimmte Dinge einfach nicht kann – und kein Talent habe. Vielleicht bin ich auch in gewisser Weise von mir selbst überfordert. Bei all den Zielen, die ich mir gesetzt habe, ist es nicht leicht, sich eine Sache auszusuchen und einfach mal anzufangen.

Diese Gedanken sind ein wenig lästig, trotzdem verschaffen sie mir Klarheit: Es kann nicht schaden, die niedrigste Hürde zu wählen, denke ich. Ich lege also das Handy weg, lasse die Konsole in Ruhe und wische die dicke Staubschicht von meinen Büchern, um einfach mal zu lesen. Ob ich jemals Breakdance lerne, weiß ich nicht. Aber den Gedanken verschiebe ich auf morgen. „Immerhin ein Ziel nehme ich in Angriff“, denke ich mir und klappe ein Buch auf.

Von Tim Klein


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