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„Der Stricher“ – Das einzigartige Magazin für illustrierte Blickwinkel

„Der Stricher“ – Das einzigartige Magazin für illustrierte Blickwinkel
Foto: // Lucas Kreß

Das Stricher-Kollektiv ist eine vielfältige Gruppe aus jungen, engagierten Künstlerinnen und Künstlern. Seit September 2017 hat das Team insgesamt zehn Auflagen ihres Magazins „Der Stricher“ veröffentlicht und war schon europaweit damit unterwegs. Darin zu sehen sind Illustrationen und Comics, in denen sich die Künstlerinnen und Künstler mit verschiedenen gesellschaftlichen Themen auseinandersetzen. MADS-Autor Lucas hat das Stricher-Kollektiv getroffen und durfte während der Fertigstellung der letzten Exemplare der zehnten Ausgabe „Mängelexemplar“ dabei sein.


Es ist Samstag Vormittag. Der Duft von Kaffee liegt in der Luft und Musik von Seal schallt durch die ehemalige Fleischerei, die heute ein Atelier ist. Es herrscht eine gemütliche und entspannte Wochenendstimmung. Ein Teil des Stricher-Kollektivs ist gerade dabei, die letzten Exemplare der zehnten Ausgabe ihres Magazins fertigzustellen. An einem Tisch werden Papierstapel zum Heftinhalt gefaltet, während auf der anderen Seite des Raumes die Heft-Cover an der Papierschneidemaschine zugeschnitten werden. Die fertigen Magazine sollen auf Themen aufmerksam machen, die unsere Gesellschaft beschäftigen, häufig jedoch als Tabuthemen gelten: Psychische Erkrankungen, Sexualität und soziale Medien sind nur eine kleine Auswahl der Themen, mit denen sich das Kollektiv auseinandersetzt.

Simon und Mel (von links) zeichnen erste Ideen für die nächste Ausgabe.
Foto: Lucas Kreß

„Wir wollten ein tagespolitisches Magazin machen“

„Der Stricher bietet uns eine Möglichkeit, sich künstlerisch frei zu verwirklichen“, sagt Studentin Alicja. Es gibt im Kollektiv keine Hierarchie und alle können das machen, worauf sie Lust haben. „Wir haben eine Diversität, die sich in jeder Ausgabe widerspiegelt“, fährt sie fort.

Das Team besteht zum Großteil aus Studierenden und Absolvierenden des Studiengangs „Visuelle Kommunikation“. Die Idee für das Magazin und das Kollektiv hatten die Künstlerinnen und Künstler, weil ihnen Illustrationen an der Hochschule zu wenig repräsentiert waren. „Wir wollten etwas ergänzend zu unserem Studium machen und neue Leute kennenlernen, die Bock auf zeichnen haben“, erzählt Alicja. Das Ziel war, ein Kollektiv zu formen, das von einer gemeinsamen Idee überzeugt ist und etwas gemeinschaftlich produziert.

„Eigentlich wollten wir ein tagespolitisches Magazin machen“, erzählt Grafikdesigner und Künstler Simon. Doch mit dem schnellen Nachrichtentempo mitzuhalten, ist für die Illustratoren nicht möglich gewesen. „Für die ersten vier Ausgaben haben wir etwa zwei bis vier Monate gebraucht“, erinnert sich der Grafikdesigner. Mittlerweile benötige das Kollektiv sogar sechs bis sieben Monate von der Idee bis zum fertigen Magazin. „Wir wollen einfach mit jeder Ausgabe zufrieden sein“, ergänzt Alicja.

Nachdem das Kollektiv die erste Ausgabe komplett aus eigener Tasche finanziert hat, war das oberste Ziel, mit jeder Ausgabe genug zu verdienen, um die nächste machen zu können.

Ein besonderes Druckverfahren für ein besonderes Magazin

„Der Stricher“ ist nicht nur wegen seiner Inhalte besonders, sondern auch aufgrund des speziellen Druckverfahrens, dass die Kunstwerke zu Papier bringt: Die Risographie. „Das ist ein halb-analoges Schablonendruckverfahren“, erklärt Simon. Es wurde vom japanischen Hersteller Riso ursprünglich für Unternehmen, Schulen und Gefängnisse entwickelt, um möglichst schnell und günstig viele Seiten zu drucken. „Im Prinzip ist es ein Siebdruck – nur, dass die vorher mit Schwarzflächen erstellte Schablone maschinell auf das Papier übertragen wird“, sagt der Illustrator, während er eine Drucktrommel austauscht.

Bei der Technik wird jede Farbe einzeln gedruckt und benötigt deshalb eine eigene Trommel. Durch das „Übereinanderlegen“ der einzelne Farben, vermischen sie sich und eine unverkennbare Optik entsteht. Die Risographie sei sehr nachhaltig, da die Farben aus Soja und Reiskleie und die Schablonenfolie aus Bananenstaude bestehen. „Die Folie kommt nach Gebrauch dann in die Bio-Tonne“, sagt Simon und lächelt.

„Print is not dead“

Die besondere Art des Drucks scheint in der Comic-Szene immer mehr Liebhaber zu finden. In den letzten Jahren sei regelrecht ein Riso-Trend zu beobachten, meint Simon. „Aber ich denke, wir machen das krasseste Riso-Heft weltweit“, sagt der Künstler stolz. Denn keiner sonst mache sich die Mühe, dieses zeitintensive Verfahren in vergleichbarer Form zu nutzen. „Bis auf das Cover drucken wir das komplette Heft mit dem Riso“, erzählt Studentin Emma.

Für den Druck des Inhalts und des Covers per Siebdruck brauche das Team jeweils einen Tag. Aber der Aufwand ist es dem Stricher-Kollektiv wert. Auch wenn die benötigte Zeit für das Falten und Binden der Magazine ungewiss ist. „Die Farben haben einfach eine Wirkung, die nicht zu simulieren ist“, schwärmt Simon. „Jede Seite ist ein Kunstdruck“.

Hefte bieten als Medium zudem auch andere kreative Möglichkeiten, als zum Beispiel eine Website. „Wir haben auch schon Hefte mit ausklappbaren Seiten gemacht und Postkarten und Poster mit hineingelegt“, erzählt Simon weiter. „Es ist einfach schön, gemeinsam an etwas zu arbeiten und anschließend das Resultat in den eigenen Händen halten zu können“, meint Emma.

Die zwei Risographen und zwei Drucktrommeln im Atelier.
Foto: Lucas Kreß

Von der Themenidee zum fertigen Heft

Worum es in der nächsten Ausgabe gehen soll, wird innerhalb des Kollektivs entschieden. „Wir brainstormen neue Ideen bei Gruppentreffen“, sagt Simon. Über die möglichen Themen wird dann abgestimmt. „Dadurch ist das Thema für die nächste Ausgabe dann das, mit dem sich die meisten von uns wohlfühlen“. Meist ist dies nur ein einziges Schlagwort – wie beispielsweise das Wort „Mängelexemplar“ der zehnten Ausgabe.

„Als Magazin für illustrierte Blickwinkel sollen die Themen nur den Rahmen für die Beiträge geben“, sagt Simon. „Jeder soll sich persönlich damit auseinandersetzen und das gestalten, was ihm oder ihr wichtig ist“. Die Künstlerinnen und Künstler haben also sowohl visuelle als auch inhaltliche Freiheit.

„Nachdem wir Ideen für die individuellen Beiträge gesammelt haben, beginnen wir mit der Ausarbeitung“, erzählt Emma. Sobald die Beiträge der Illustratoren und Comiczeichner fertig sind, wird das Magazin gelayoutet und das Vorwort geschrieben. Die einzelnen Beiträge stehen kommentarlos für sich, da sie den Betrachter zum Nachdenken anregen sollen. „Deshalb sind das Vorwort und der Titel die einzigen Kommentare zu unseren Heften“, sagt Alicja. Gibt es nichts mehr an den Beiträgen und dem Layout zu korrigieren, geht es an die händische Produktion des Magazins. 

Europaweit unterwegs

„Wir sind auch auf Comicfestivals unterwegs“, erzählt Emma. Unter anderem hat es das Kollektiv schon auf Messen in Graz, Luzern, Berlin und sogar ins Kliemannsland von Youtuber Fynn Kliemann verschlagen. Zu kaufen gibt es „Den Stricher“ in Comicläden in Berlin, Hamburg, Leipzig und Hannover oder auf Anfrage über Instagram (@der_stricher_magazin).

Die elfte Ausgabe des Magazins ist bereits geplant und das Thema steht fest: „Es wird unter dem Schlagwort ‚gleichzeitig’ erscheinen“, kündigt Simon an. Fans der Arbeiten des Kollektivs können sich auf ein liebevoll gestaltetes Heft mit vielen bunten Illustrationen und Comics freuen, die nicht nur schön anzusehen sind, sondern auch zum Nachdenken anregen. 

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