Seite auswählen

Werbung

Darum will Fabian Boungard katholischer Pfarrer werden

Darum will Fabian Boungard katholischer Pfarrer werden
Foto: Foto: Werner Kaiser

Kein Sex und jeden Tag beten: Katholischer Pfarrer zu werden klingt nicht nach einem Traumberuf – Fabian Boungard hat sich trotzdem dafür entschieden.


Mit feierlichen Mienen steht die kleine Gruppe um ein Taufbecken, die Hände vor dem Körper verschränkt. Ein junger Mann Ende zwanzig, mit Brille und jugendlichem Lächeln, zitiert: „Ich taufe dich auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Dabei gießt er behutsam Wasser über den Kopf eines Kindes. Das macht dabei keinen Mucks – denn es ist eine Babypuppe. 

Fabian Boungard hat schon vieles gelernt auf dem Weg zu seinem Berufsziel Pfarrer. Ganz erreicht hat er es noch nicht: Der 29-jährige Katholik ist Kaplan im Bistum Hildesheim. Das heißt: Er wurde zwar schon zum Priester geweiht, ist aber noch einem Pfarrer unterstellt, genießt also Welpenschutz. Fabian hält Messen und traut die Mitglieder der Gemeinden in Hameln und Umgebung. Regelmäßig besucht er das Priesterseminar in Hildesheim. Dort lernt er, eine Predigt rhetorisch gut aufzubauen – oder eben zu taufen. „Wir haben auch schon zu Übungszwecken irgendwelche Leute verheiratet“, erzählt Fabian grinsend. 

Zweifel am Beruf 

Dieses Jahr wird er 30. Während seine Freunde heiraten oder Kinder bekommen, wird er ein Leben lang auf die intime Beziehung zu einer Frau und eigene Kinder verzichten müssen. „Natürlich hatte ich Zweifel, ob ich so leben kann“, erklärt er. 2010 begann er trotzdem, in Erfurt katholische Theologie zu studieren. Denn Pfarrer werden muss man nach dem fünfjährigen Studium nicht zwingend. Religionslehrer, Journalist oder Pastoralreferent, der die Gemeindearbeit unterstützt – es gibt viele Optionen. „Etwas mit Kirche sollte es aber schon sein. Ich habe so viele tolle Momente erlebt, die wollte ich nicht missen“, erklärt Fabian. 

Foto: Irving Villegas

Doch dann verliebte er sich in eine Frau aus Ungarn. Für sie zog er für zwei Jahre nach Wien, studierte dort weiter. Aber die Beziehung zerbrach, Fabian kehrte nach Deutschland zurück und wusste nun, was er werden will: Priester. „Meine Tante sagte: ‚Fabian, am Altar bist du zu Hause.’ Das passt einfach“, erinnert er sich und seine Augen glänzen. 

Vor der Priesterweihe sprach er viel mit seiner Familie und Freunden. „Letztlich ist es nur eine von vielen schweren Entscheidungen im Leben. Wenn ein Paar vor mir sitzt und heiraten möchte, denke ich mir auch oft: Wow, ihr wollt heiraten? Für eine einzige Person entscheiden, ein Leben lang? Krass!“, sagt er schulterzuckend. 

Nur 74 Neupriester in 2017

Fabian wählte stattdessen lieber die Enthaltsamkeit. Jeder müsse für sich selbst herausfinden, was er will. Ein Bekannter von ihm, ebenfalls Kaplan, habe sich nach Jahren von seinem Amt befreien lassen. Er hatte eine Frau kennengelernt: „Seinen Beruf aufzugeben ist eine ebenso schwere Entscheidung“, findet Fabian. 

Er kann nachvollziehen, warum der Job für viele so unattraktiv ist. Ein Papst, der Homosexualität als Modeerscheinung bezeichnet; eine Kirche, die noch immer keine Frauen als Pfarrer zulässt und immer wieder wegen Missbrauchsskandalen für Schlagzeilen sorgt: Der Katholizismus bietet viel Raum für Kritik – und im Ergebnis viel Raum auf den Kirchenbänken. Rund 23,3 Millionen Katholiken gibt es aktuell in Deutschland; allein 2017 traten nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz 167 504 Gläubige aus. Im gleichen Jahr wurde Fabian zum Priester geweiht – zusammen mit nur 73 anderen. 

Das schlechte Image und das Leben ohne Partner sind nicht die einzigen Herausforderungen. „Ständig musst du schauen: Was sind coole Formen des Glaubens? Wie kann ich den Menschen Gott nahebringen und dabei dem Auftrag von Jesus gerecht werden?“, erzählt Fabian. Doch genau das liebt er an seinem Job: den Dialog mit Menschen. Trauungen sind schön, klar, aber: „Sterbende zu begleiten ist ein Privileg. Ich erfahre so vieles über ihr Leben. Das ist ganz schön berührend.“ 

Seine Begeisterung für den Beruf ist ansteckend, seine muntere, herzliche Art kommt gut an. „Die Leute sehen mein Kollarhemd mit dem weißen Einsatz am Hals – und sprechen mich an, auch wenn es nur ums Wetter geht. Ich bin wie ein laufendes Gesprächsangebot“, sagt Fabian. Zu ihm fassen sie schnell Vertrauen. 

„Churchy Hobbys“

Das Vertrauen in die Institution katholische Kirche hingegen wurde in den vergangenen Jahren oft erschüttert. Beim Thema Missbrauch fehlen Fabian zum ersten Mal im Gespräch die Worte. Er lehnt sich zurück, wieder nach vorn, verschränkt seine Hände. „Es ist gut, dass das ans Licht kam“, sagt er nach einer Weile. „Die katholische Kirche hat in der Vergangenheit vieles falsch gemacht.“ Kritik üben darf er, muss nicht zu allem „Ja und Amen“ sagen, was der Papst vorbetet. Frauen als Pfarrer, Aufhebung des Zölibats? „Das sind die Fragen, die unter uns deutschen Priestern heiß diskutiert werden“, erklärt er. Eine eigene Meinung abgeben will er nicht, druckst herum. „Aber als Prognose: Vor 100 Jahren war es auch noch undenkbar, die katholische Messe nicht in Latein abzuhalten“, sagt er schmunzelnd. 

Mit seinen Freunden rede er viel über diese Dinge, sei aber auch froh, wenn es mal um etwas anderes gehe. Dann kann er abschalten. Zur Ruhe kommt er auch, wenn er ein Buch liest oder wandert. „Meine anderen Hobbys sind wieder voll churchy: Gitarre spielen, Lobpreislieder hören“, sagt er und lacht verlegen. 

Wie es für ihn weitergeht, weiß er noch nicht. Er würde gern mit Jugendlichen arbeiten oder die christliche Zusammenarbeit in Europa vorantreiben. Karrieredenken findet er unangebracht. „Geht es um die Kirche oder dich?“, wehrt er ab. Nur eines ist für ihn sicher: „Heutzutage Papst sein? Nein, danke!“ 

So wird man Priester

Für das notwendige Studium ​der katholischen Theologie braucht man das Abitur. Nach fünf Jahren ​Studium muss man sich nicht für das Priestertum entscheiden: Auch Referent, Religionslehrer oder Journalist sind Berufsoptionen. Wer Priester werden will, ​geht ins Priesterseminar – entweder schon während des Studiums oder danach. In letzterem Fall absolviert man nur vier Jahre am Seminar. Dort liegt neben fachlichen Inhalten auch ein Fokus darauf, wie man vor Menschen steht oder etwa einen Gottesdienst leitet. Daran schließt sich ​die Weihe zum Diakon an. Das ist so etwas wie ein Priester „light“: Ein Diakon darf wie ein Priester die Sakramente leiten – jedoch nur taufen und trauen. Etwa ein Jahr später ​erfolgt die Priesterweihe, mit der man auch die Sakramente der Messe, Beichte und Krankensalbung spenden darf. Firmungen und Weihen sind den Bischöfen vorbehalten.

Von Sarah Seitz


Über den Autor/die Autorin:

Poste einen Kommentar:

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

UNSERE MADS-PARTNER

Videos

Wird geladen...

Send this to a friend