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Bodyshaming: Wenn Eltern ihre Kinder verspotten

Bodyshaming: Wenn Eltern ihre Kinder verspotten
Foto:  Unsplash/Diana Polekhina

Ständig muss sich Maria (23) von ihrer Mutter anhören, sie sei zu dick. Unter dem Bodyshaming leidet nicht nur ihr Selbstbewusstsein, sondern auch die familiäre Beziehung.


„Wann bist du denn so dick geworden?“ Der Kommentar ihrer Mutter kommt aus dem Nichts. Maria (Name geändert) ist gerade sieben Jahre alt, steht im Badezimmer und putzt sich die Zähne. Sie versteht den Vorwurf der Mutter nicht, immerhin macht sie sich ihr Essen ja noch nicht selbst. Die Mutter schiebt die Gewichtszunahme schließlich auf eine Wachstumsphase.

Maria war nie dick. Ihr Gewicht hat immer wieder etwas geschwankt, aber sie war nie dick. Heute weiß sie das, wenn sie sich alte Fotos ansieht. Doch die Kommentare hörten nicht auf. „Du bist viel dicker geworden als letztes Jahr, du bist viel dicker als die anderen in deiner Klasse“, sagte die Mutter. Und: „Du musst mehr Sport machen, sonst wirst du dick.“ Als Kind machte ihr das noch nichts aus. Doch mit den Jahren fiel es Maria schwer, damit umzugehen. Jugendliche seien besonders sensibel für negative Kommentare bezogen auf den Körper, sagt die psychologische Psychotherapeutin Julia Tanck. Das könne sich sehr stark auf den Selbstwert auswirken.

Maria hatte als Jugendliche kein gutes Verhältnis zu ihrem Körper. Foto: Unsplash (Symbolbild)

„Wenn meine Mutter das sagt, dann muss es ja stimmen“

Druck lastete auf Maria. Druck, einem gewissen Ideal zu entsprechen. Vielleicht war es gar nicht ihr Ideal, wohl aber das der Eltern, der engsten Bezugspersonen, zu denen sie aufblickte. „Wenn meine Mutter das sagt, dann muss es ja stimmen“, dachte Maria damals. Während der Oberstufe wählte die heute 23-Jährige kein Schwimmen als Sportkurs, obwohl sie im Schwimmen eigentlich immer gut war. Doch sie schämte sich und wollte nicht, dass die anderen sie im Badeanzug sehen. Maria hatte Angst, in der Schule dieselben Kommentare zu hören wie zu Hause. Sie versuchte Diäten, die nicht funktionierten. Das Verhältnis, das sie als Jugendliche zu ihrem Körper hatte, beschreibt sie mit dem Wort Selbsthass.

Bodyshaming trübt Verhältnis zu den Eltern

Die Beziehung zu ihren Eltern leidet auch heute noch darunter. Ist sie zu Besuch und die Mutter kommentiert Marias Gewicht, stimmt sie einfach zu. Dann kann ihre Mutter nichts mehr sagen. Dass dies nicht förderlich für eine gute Beziehung ist, weiß Maria. Doch als sie ihre Eltern einmal auf den Druck ansprach, den sie empfindet, reagierten diese uneinsichtig. Maria fühlte sich nicht ernst genommen und möchte die Diskussion nun nicht erneut anfangen. Heute kann sie maximal vier Tage in der Nähe ihrer Eltern verbringen. Danach verfallen sie zu stark in alte Eltern-Kind-Rollenbilder.

Was ist Bodyshaming?

Bodyshaming sind auf den Körper bezogene negative Kommentare. Also die Abwertung der Person aufgrund ihrer Figur oder des Gewichts. In der Forschung spricht man oft vom „Weight based teasing“, also von gewichtsbezogenen Hänseleien. Es wird zwischen Fatshaming und Skinnyshaming unterschieden. Fatshaming sind Kommentare, die sich auf mehrgewichtige Menschen beziehen. Skinnyshaming richtet sich gegen Menschen, die sehr dünn sind und möglicherweise auch an Magersucht leiden.

Dass Eltern die Körper ihrer Kinder kommentieren, geschehe oft nicht aus einer bösen Intention heraus, sagt Tanck. So sei es in unserer Gesellschaft üblich, dass eine Gewichtsabnahme positiv, eine Gewichtszunahme negativ angesehen werde. Eltern seien schließlich ebenfalls mit Körperidealen groß geworden. Wenn sie sich über die Körper ihres Kindes äußeren, könnten sie es damit zum Beispiel vor Ausgrenzungserfahrungen oder vor gesundheitlichen Risiken und möglichen Folgeerkrankungen schützen wollen.

Bodyshaming kann zu psychischen Krankheiten führen

„Betroffene berichten oft, dass es von den Eltern besonders verletzend ist“, sagt Tanck. So entstehe das Gefühl, der Körper habe Einfluss auf den Selbstwert. Das führe nicht unbedingt dazu, dass eine gesunde Beziehung zum eigenen Körper aufgebaut werden kann. Im schlimmsten Fall könne dieses negative Körperbild und das sogenannte „Weight based teasing“, also gewichtsbezogene Hänseleien, zu Depressionen oder einer Essstörung führen.

Julia Tanck ist Psychotherapeutin.
Foto: privat

Die Körperideale in den Medien

Bodyshaming beginne schon bei der Kleidergröße 40, sagt die Expertin, obwohl die Durchschnittsgröße deutscher Frauen bei 42/44 liegt. Schuld haben auch die Medien. Schlanke und durchtrainierte Körper sind tagtäglich im Fernsehen, in Filmen und auf Social-Media-Plattformen zu sehen. Sie erscheinen als Standard, obwohl sie nicht der Realität entsprechen. Bodyshaming kann also jede Person treffen, nicht nur stark mehrgewichtige Menschen. Auch Maria sieht immer wieder Schlankheitsideale in den sozialen Medien. Wenn sie merkt, dass ein entsprechender Instagram-Account ihr nicht gut tut, entfolgt sie ihm.

Auch positive Kommentare weglassen

Darf man jetzt gar nichts mehr sagen? Psychotherapeutin Tanck ist der Meinung, dass Menschen komplett aufhören sollten, die Körper anderer zu kommentieren – es sei denn, man werde danach gefragt. Auch bei positiven Kommentaren könne man nie wissen, was dies bei den Betroffenen auslöse. „Toll, wie du abgenommen hast“ – auch das sei problematisch, sagt die Expertin. „Wir geben dem Gewicht damit eine Wertigkeit, es impliziert, dass du vorher nicht so gut warst, wie du jetzt bist – vorher warst du falsch, und jetzt bist du richtig“, sagt Tanck. Es könne ebenso verletzend sein und sei definitiv eine Grenzüberschreitung, die für Betroffene oft ein Einstieg in die Essstörung sein könne.

Was Maria heute von den Kommentaren ihrer Eltern bleibt, sind ein niedriges Selbstbewusstsein und eine verzerrte Sichtweise auf ihren eigenen Körper. Wenn sie Leute sieht, die so aussehen wie sie selbst, würde sie diese niemals als dick beschreiben – sich selbst dagegen schon. Sie beschreibt ihre Körperwahrnehmung als zwiegespalten. Zwar ist sie äußerst kritisch und sieht jede Veränderung ihres Körpers sehr schnell, aber sie wertet diese heute nicht mehr so negativ. Zum einen schaut sie lieber in den Spiegel, seitdem sie Tattoos hat. Und zum anderen sieht sie ihren Körper mittlerweile eher als Hülle, die ihr Inneres durch die Gegend trägt.

Was können Betroffene tun?

Psychotherapeutin Julia Tanck wünscht sich mehr Sensibilität und Aufklärung für die Themen Bodyshaming, fettfeindliche Sozialisierung und Gewichtsdiskriminierung. Für Betroffene hat sie Tipps im Umgang mit Bodyshaming: Im ersten Schritt sei es wichtig, sich von dem gesellschaftlichen Körperideal abzugrenzen. Betroffene müssten verstehen, dass der eigene Körper nicht so aussehen muss wie der von anderen, und sich bewusst machen, dass man viel mehr ist als der Körper und das Aussehen.

Dann sei es wichtig, klare Grenzen zu setzen. „Das, was du gesagt hast, ist verletzend, ich möchte nicht, dass du dich über meinen Körper äußerst, ich möchte nicht, dass du mein Essverhalten kommentierst“ – vor allem in der Familie sei es schwierig, aber sehr wichtig, die eigenen Grenzen zu kommunizieren.

Sollten diese Grenzen dann trotzdem überschritten werden, müsse man überlegen, wie der Kontakt zu den Personen weiterhin gestaltet werden kann, sodass nicht immer wieder diese verletzenden Erfahrungen gemacht werden müssen. Auch die Kommunikation mit Freundinnen und Freunden oder Geschwistern könne hilfreich sein.

Sollte sich das Bodyshaming schon stark auf die mentale Gesundheit ausgewirkt haben, sei es ratsam, sich professionelle Hilfe zu suchen.


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Über den Autor/die Autorin:

1 Kommentar

  1. Avatar

    HAZ Artikel vor ein paar Tagen: „Sind wir auf dem Weg in eine infantile Gesellschaft?“
    Auch HAZ Artikel heute: „Positive Kommentare zum Körpergewicht sind eine Grenzüberschreitung“

    Psychotherapeuten sollten solche Regulationsstörungen im Emotionsleben erwachsener Menschen eigentlich behandeln und korrigieren. Statt dessen werden solche durch Therapeuten und die Medien heutzutage sogar gefördert. „Psychisch krank“ ist das neue „Normal“.

    Wir sind nicht auf dem Weg, wir sind längst da.

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